Story des Monats – April 2018

Wespe - (c) pixabay.com

Wespe – (c) pixabay.com

Biene oder Wespe? Fragend betrachte ich den Gast, der sich in meiner Topf-Gerbera auf dem Fensterbrett tummelt. Pelzig und schwarz-gelb. Bienen sind Nutztiere, Wespen Feinde. Hinterhältig und gemein. Und lebensgefährlich, zumindest für mich. Ihre bloße Anwesenheit ist eine Bedrohung, die mich zwingt, in den Sommermonaten stets aufmerksam zu sein und niemals ohne mein Notfallset das Haus zu verlassen. Und die mich seit zwei Jahren dazu bringt, regelmäßig ein stark abgeschwächtes Gift in meinen Körper pumpen zu lassen. Die Spritzen tun weh, sorgen für Schwellungen und sollen mein Überleben wahrscheinlicher machen, sollte ich wieder einmal von so einem stechwütigen Biest angegriffen werden. Denn nicht immer hat man so viel Glück, wie ich es damals vor zwei Jahren hatte.

Wir waren in heiterer Stimmung gewesen an diesem Sommernachmittag. Kaffee und Pflaumenkuchen, dazu muntere Mädchengespräche. Vier Freundinnen sind wir und treffen uns regelmäßig einmal im Monat zum Kaffeeklatsch. An jenem Sonntag war Tanja dran, was günstig war, denn sie war die einzige von uns, die einen kleinen Garten hatte. So konnten wir das milde Spätsommerwetter richtig schön nutzen. Die Laune war gut, es wurde viel gelacht und gealbert. Es war ganz wie früher, als wir zusammen zur Schule gegangen waren. Und dann spürte ich ein Krabbeln, griff mir unbefangen an die Wade und ein Schmerz schoss mir in den Finger.

„Aua, verdammt, was ist das denn?“ Mit zusammengebissenen Zähnen betrachtete ich meinen Zeigefinger. „Oje, hat dich eine Wespe gestochen?“ Tanja sprang auf und hinderte mich daran, den Stachel mit den Fingern herauszuziehen. „Komm ins Bad, da habe ich eine Salbe. Was Kaltes bekommst du drinnen auch.“ Getröstet durch ihre Fürsorge sowie die lautstarken Mitleidsbekundungen von Ulla und Nadine ließ ich mich ins Haus führen und bemuttern. Der Schreck saß mir in den Gliedern und ließ mich zittern. Es war erst mein zweiter Wespenstich – hatte der erste auch so weh getan? Ich wusste es nicht mehr.

„Was hast du da denn?“ fragte Tanja mich, nachdem sie mich mit einem Kühlpäckchen versorgt hatte und wir gerade wieder hinausgehen wollten. „Weiß nicht.“ Fasziniert und ein bisschen träge betrachtete ich die komischen Bläschen, die sich an meinen Händen bildeten. „Das war vorhin noch nicht da.“ Die Blasen juckten und ich kratzte ein wenig. An den Beinen juckte es auch. „Im Gesicht kommen auch Blasen“, bemerkte Tanja und ich hörte Besorgnis in ihrer Stimme. Ich aber wusste, woran es lag: „Das kommt von der Hitze hier drinnen. Lass uns wieder rausgehen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nicht heiß hier. Mit dir stimmt etwas nicht. Du hast auch eine ganz seltsame Farbe.  Ich rufe einen Notarzt.“ Amüsiert wollte ich protestieren, aber sie hatte schon die 112 gewählt. Ruhig und bestimmt sprach sie ins Telefon und mir wurde es zu bunt. Ich nahm den Hörer. „Hören Sie, mir fehlt nichts. Es juckt nur und die Haut wirft Blasen. Wir kommen ins Krankenhaus, dort kann man mir eine Creme geben.“ Die Stimme am anderen Ende klang energisch: „Sie bleiben, wo Sie sind. Sonst finden wir Sie nicht rechtzeitig!“ Komischer Vogel, was meinte der wohl damit? Ich wollte doch nicht Verstecken mit diesen Leuten spielen. Ich wollte lachen, aber mein Gesicht war so eigenartig hart. Der Hörer fiel auf den Boden, ich hinterher. Kurz hörte ich noch Tanjas Stimme, sie rief nach Ulla und Nadine. Dann war es leise.

Es war eine eigenartige Stille, die mich umgab. Es fühlte sich an wie ein Schweben in warmem Wasser, nein, unter Wasser. Wenige Töne drangen gedämpft an meine Ohren, sie klangen dumpf und beruhigend wie die Schläge eines sehr großen Gongs. War das mein Puls, den ich da hörte? Ich konnte es nicht einordnen, aber es war mir auch egal.  Zum Nachdenken war später noch Zeit, jetzt wollte ich mich entspannen und ausruhen. Zufrieden ließ ich alles, was mich sonst immer beschäftigte, los.

Es ist schon seltsam, welche Wege das Leben nehmen kann. An diesem Sonntag im August war ich fröhlich und voller Zuversicht aus dem Haus gegangen, nur um drei Stunden später willig dem Tod entgegenzugleiten. Mit noch nicht einmal 26 Jahren – was für ein unglaublicher Gedanke. Zum Glück hatten nicht alle so bereitwillig mein Leben losgelassen wie ich: Tanja hatte meine Beine hochgelegt, Luft in meine Nase geblasen und zusammen mit Ulla mein Herz massiert, so wie wir es einige Jahre zuvor gemeinsam im Erste-Hilfe-Kurs gelernt hatten. Und Nadine hatte auf der Straße gestanden und den Notarzt hereingeführt, der mich mit Medikamenten versorgte und mein Herz wieder in Gang brachte. Sie hatten geschrien, erzählte Ulla mir später, allesamt laut und hysterisch geschrien, aber dann doch das Richtige getan.

Das dumpfe Geräusch in meinem Kopf blieb eine Weile ruhig und gleichmäßig bestehen. Doch dann störte mich etwas. Lärm, hier unter Wasser? Jemand rief meinen Namen, immer wieder: „Lydia! Lydia, hören Sie mich? Lydia!“ Lydia, ein blöder Name. Was meine Eltern sich dabei nur gedacht hatten. Und warum rief man mich hier? Konnten die nicht einen Moment ohne mich auskommen? Ich wollte meine Ruhe haben! „Lydia!“ Jemand patschte mit den Händen in mein Gesicht. Ich konnte es noch nie leiden, wenn mir jemand ins Gesicht fasst. Mühsam öffnete ich die Augen und sah verschwommen einen älteren Mann, der mich begeistert anlächelte. Wer war das? Und wo war ich? „Alles in Ordnung!“, behauptete der Fremde und nickte vertrauenserweckend.  Weitere Nachforschungen waren mir zu anstrengend und ich schlief ein.

Ich musste vier Tage im Krankenhaus bleiben, davon einen auf der Intensivstation. Man erklärte mir, dass ich hochallergisch auf Wespengift sei und es hauptsächlich meinen Freundinnen zu verdanken sei, dass ich diesen Wespenstich überlebt hatte. Und man sagte mir sehr deutlich, dass es beim nächsten Mal schlimmer werden würde. „Dann sind wir vielleicht nicht mehr schnell genug bei Ihnen.“ Ich bekam ein Notfallset und ein Merkblatt mit Verhaltensregeln für eben jenen Notfall sowie die Adresse einer Fachklinik, in der eine Desensibilisierung durchgeführt werden sollte. Damit sie mich künftig nicht mehr so überrumpeln konnten, diese heimtückischen Biester. Denn genau das war doch geschehen an diesem Nachmittag: Völlig unvorbereitet war ich angegriffen worden. Nur deshalb war ich bereit gewesen, mein Leben, mein schönes, liebes Leben so schnell aus der Hand zu geben. Das war nun anders: Die Tage der Unschuld waren vorbei. Inzwischen war ich gewarnt, ging mit offeneren Augen durch die Welt, geschützt durch Notfallset und Notrufnummer. Und ich war bewaffnet!

Biene oder Wespe, Freund oder Feind? Ich kann es nicht erkennen. Und so beschließe ich, mich nicht auf weitere Verhandlungen einzulassen. Entschlossen drücke ich den Knopf des Insektensprays und sprühe auf das pelzige Tierchen ein. Als es tot vor der Gerbera liegt, kann ich es näher betrachten. Tatsächlich, eine Wespe. Zufrieden nicke ich, wobei ich wahrscheinlich dämonisch die Zähne blecke. Das hat dieses Luder nun davon, dass es sich in meine Wohnung eingeschlichen hat. Ich bin nicht mehr so hilflos wie noch vor zwei Jahren. Ich bin gerüstet und hänge am Leben. Kampflos ergebe ich mich ihnen nicht!


Meike Möhle

Meike Möhle

Der Titel dieser Geschichte von Meike Möhle lautet:

Keine Gefangenen

 

 

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Story des Monats – März 2018

Asteroid

(c) Arizona State University / Peter Rubin

Fred hatte den Dreh raus. Leicht in die Hocke gehen und dann sachte, ganz sachte, die Beine strecken. Der Sprung hatte ihn etwa fünfzig Meter nach oben getragen. Es würde eine Weile dauern, bis er den Fels des Asteroiden wieder unter sich spürte. Der Blick über die zerklüftete Landschaft des Himmelskörpers war in dieser Höhe atemberaubend.

 

Ich bin leicht wie eine Feder, dachte Fred.

Die Gravitationskraft betrug nur einen Bruchteil von dem, was er von der Erde gewohnt war. weiterlesen …

Story des Monats – Februar 2018

Stasi Duftproben

Stasi Duftproben

Sie hatte lange überlegt, was ihr am meisten fehlte, seit er weg war. Natürlich fehlte ihr seine Art zu reden, seine Art zu lachen. Natürlich war es auch das, was er sagte, wie es sich anfühlte, angesehen zu werden. Aber es war ja schließlich so, dass er kein guter Mensch war. Kein guter Einfluss überhaupt.

Wenn er da war, dann war sie so vollgesogen von Gegenwart, dass sie gar nicht mehr weg wollte. Natürlich tranken sie zu viel. Sie sahen fern und taten nichts außer sich zu lieben, zu berühren und – ja –  vor allem zu riechen. Sehr physisch, dachte sie später. Rein chemisch betrachtet sind Gerüche Moleküle, die sich von einem Körper lösen und über die Nase in einen anderen eindringen. Eine Art Vereinigung also. Und die Moleküle, die sind auf ganz natürliche Weise anders, wenn man wütend ist, oder müde. Sie sprechen eine eigene Molekülsprache miteinander. weiterlesen …

Wie neu geboren

Am 6. März startet die neue Schreibwerkstatt der ARS-Autorin Barbara Brüning.

Lust auf ein neues Schreibabenteuer?

Die Tage werden länger, das Dunkel lichtet sich.
Je einen Abend, drei Mal, bis zur Tag- und Nachtgleiche.
Wir beginnen ohne unsere Namen zu verraten, zeigen uns nur durch das, was wir schreiben.
Am ersten Abend ist das Dunkle, das Geheimnisvolle, das Bedrohliche unser Thema
Am zweiten Abend werden in der Dämmerung Konturen sichtbar – wer bin ich? Wie sehen mich die anderen?
Am dritten Tag hat das Licht über das Dunkel gesiegt: Erstrahlen im Glanze dessen was wir sein und werden können – und lassen unserer lichten Fantasie ihren Lauf.

Lust auf Abenteuer im Kopfkino? Es ist steht vor deiner Haustür.
6.3., 13.3. und 21.3., Haus am Dom, jeweils von 18 bis 21 Uhr.

Auch für Schreibanfänger. Keine Bewertung, einfach nur sehen, wie etwas Selbstgeschriebenes spontan wirkt.

Kosten: 15,- € für drei Abende
Anmeldung: keb.frankfurt@bistumlimburg.de
Oder Tel. 069 8008718-460, – 463.

http://kufer-web.bistumlimburg.de/blaetterkatalog/KEB-Frankfurt/2018_1/98/

Story des Monats – Januar 2018

Wolfskopf

Wolfskopf

Das Knurren klang seltsam nah, als käme es von irgendwo aus der Wohnung. Er wohnte allein, hatte keine Tiere. Und doch war es deutlich und ganz unverkennbar ein Knurren.

Er ging rüber ins Schlafzimmer, schaute in die Küche. Hatte er das Radio angelassen? Nein. Bestimmt war ein Nachbar mit Hund an der Wohnungstür vorbeigegangen. Verdammt nochmal, warum hielten sich Menschen auch Köter? Gingen zu jeder Tages- und Nachtzeit mit ihnen auf die Straße? Das hatte er noch nie verstanden.

Das zweite Mal war es noch näher. Er stand in der U-Bahn, neben sich ein schweißiger Jüngling mit Stöpseln im Ohr, vor sich eine alte Frau, die Handtasche auf dem Schoß. Und hinter ihm, in seinem Nacken, dieses Knurren.

Er fuhr herum, suchte nach dem Hund. Doch da war keiner. Keine Dogge, kein Rottweiler, nicht einmal ein Pinscher. Und doch hatte er es gehört. Ganz sicher. Tief und warnend. weiterlesen …