Geschichte des Monats – Mai 2018

Im Keller - (c) pixabay.com

Im Keller – (c) pixabay.com

Es war wie das Auftauchen eines Ertrinkenden aus einem dunklen See, der sich mit letzter Kraft an die Oberfläche gekämpft hatte und nun den lang ersehnten tiefen Atemzug schöpfte.

Mit einem laut ächzenden Japsen zog Erich Zeputschek die Luft in seine Lungen, als er aus seinem Albtraum erwachte. Ihm wurde zwar sofort klar, dass er lediglich geträumt hatte und nicht etwa wirklich in Gefahr gewesen war, zu ertrinken, aber es änderte nichts an dem Umstand, dass er nicht wusste, wo er war. Um ihn herum herrschte Dunkelheit und es war nicht die Dunkelheit seines Schlafzimmers. Er saß auf einem harten Stuhl und sein ganzer Körper fühlte sich taub an.

Mit einem lauten Krachen sprang mit einem Mal in nur wenigen Metern Entfernung vor seinem Gesicht ein greller starker Scheinwerfer an, der ihn blendete. Erst als er instinktiv versuchte, seine Augen mit den Händen zu schützen, fiel ihm auf, dass er die Arme nicht bewegen konnte. Ein Blick nach unten machte ihm nun, im hellen Licht des ihn blendenden Scheinwerfers, erstmals wirklich klar, in welcher Situation er sich befand: Seine Arme waren mit breitem, silberfarbenem Klebeband dick umwickelt an die Lehne des Stuhls gefesselt, auf dem er saß. Gleiches galt für seine Beine, die mit gleichartigem Klebeband fest an den vorderen Beinen des Stuhls fixiert waren.

Als er im ersten Schock versuchte, sich durch Rütteln und Schütteln aus seiner Lage zu befreien, bemerkte er zu seinem Entsetzen, dass auch sein Oberkörper mit Klebeband umschlungen war und ihn an die Rückenlehne des Stuhls fesselte. Für einen Moment steigerte er sich in den genauso verzweifelten wie auch erfolglosen Versuch, sich durch heftige, ja fast krampfartige Bewegungen aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Bereits nach zwei Minuten musste er seine Bemühungen erschöpft einstellen. Er saß schwer atmend und mit seinem auf die Brust gefallenen Kopf reglos da und versuchte erstmals, durch Nachdenken herauszufinden, was eigentlich mit ihm passiert war.

Wie bin ich in diese Lage gekommen? Was ist mir passiert?

Er erinnerte sich im ersten Moment noch nicht mal daran, wo er zuletzt gewesen war. Was war überhaupt für ein Tag? Was war seine letzte Erinnerung?

Langsam dämmerte ihm, dass er am Abend in einer Kneipe gewesen war und sich gegen Mitternacht leicht angetrunken auf den Heimweg gemacht hatte.

Richtig – er war kurz nach Verlassen der Kneipe in eine kleine Seitenstraße abgebogen, weil er dringend pinkeln musste. Seine absolut letzte Erinnerung war, dass er den Reißverschluss seiner Hose geöffnet und gerade begonnen hatte, sich zu erleichtern – danach nichts mehr.

Ein dumpfer Schmerz am Hinterkopf ließ ihn vermuten, dass er einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte, und angesichts seiner Lage, war das sicherlich kein Unfall gewesen, sondern mit Absicht geschehen. Er war entführt worden! Aber warum sollte ihn jemand entführen. Lösegeld? Auf keinen Fall. Es gab niemanden, der für ihn Lösegeld gezahlt hätte. Er war alleinstehend und seine Eltern würden keinen Pfifferling für ihn zahlen, seit er sie durch seine Eskapaden und dubiosen Aktivitäten von sich entfremdet hatte.

Erich Zeputschek wurde aus seinen Überlegungen gerissen, als er ein quietschendes Geräusch vernahm, dessen Ursprung er hinter der grellen und ihn blendenden Lampe zu hören glaubte.

„Hallo? Ist da jemand? Helfen Sie mir, bitte? Ich glaube, ich bin entführt worden!“, rief er aufgeregt in Richtung des gleißenden Lichtes.

Genau aus dieser Richtung vernahm er sofort nach seinem flehentlichen Apell ein gedämpftes Lachen, was seine schlimmsten Befürchtungen nun wahrscheinlich erscheinen ließ. Da war nicht etwa die Rettung gekommen, sondern viel eher derjenige oder diejenigen, denen er seine Lage zu verdanken hatte.

„Ich bin beeindruckt“, vernahm er eine heisere, laut flüsternde Stimme, „du bist ja ein Blitzmerker. Und ja, du bist entführt worden und du wirst hier so lange sitzen, bis du entweder verschimmelt bist oder uns gesagt hast, was wir von dir wissen wollen.“

„Was wollt ihr von mir? Ich habe keine Ahnung, was ihr wollt, aber ich sage euch alles, wenn ihr mich nur wieder gehen lasst. Versprochen.“

„Na wunderbar, dann bist du schnell wieder draußen.“ Die Stimme erstarb und eine Zeitlang geschah nichts.

„Was wollt ihr denn von mir. Ich habe nichts, das für euch interessant sein könnte. Was wollt ihr denn wissen?“

„Als wenn du das nicht wüsstest, Luigi. Selbstverständlich wollen wir wissen, wo das Geld ist. Sag uns, wo es ist, wir kontrollieren das und wenn wir es wiederhaben, lassen wir dich gehen, ist auch versprochen.“

Um Gottes willen, wovon sprach der Typ. Eisige Schauer liefen Erich über den Rücken, denn er verstand nicht, was er von ihm wollte.

„Was für Geld? Ich weiß von keinem Geld. Ich hab auch nicht viel. Was soll ich euch denn für Geld geben?“

Erst nach diesen hektisch hervorgestoßenen Fragen, ging ihm etwas auf, worauf er im ersten Moment nicht geachtet hatte.

„Wie hast du mich genannt? Luigi? Ich bin nicht Luigi und ich kenne auch keinen Luigi! Das ist eine Verwechslung!“ Er war fast erleichtert, dass sich das Ganze als großes Missverständnis herausstellen würde, wenn auch im Hintergrund seines Bewusstseins die Angst nagte, dass man ihn – selbst wenn er der Falsche war – vielleicht doch nicht so ohne weiteres gehen lassen würde.

Ein hohes Kichern führte ihn wieder in die Realität zurück.

„Sieh an, sie an“, hörte er wieder die belustigt klingende heisere Stimme, „unser Freund Luigi steht nicht zu seiner Tat.“ Ohne Pause fuhr die Stimme nun deutlich verärgert fort: „Mein lieber Freund, mach dir keine falschen Hoffnungen. Das Syndikat hat dich an uns geliefert und wir haben den Auftrag, aus dir die nötigen Informationen zu quetschen – und glaube mir, darin sind wir Experten.“

„Nein, nein, nein, nein, nein – das ist ein Missverständnis. Mein Name ist Erich Zeputschek, ehrlich“, schrie er mit sich überschlagender Stimme. „Ich kenne keinen Luigi und auch kein Syndikat. Ihr habt den Falschen erwischt, ehrlich!“

Einen Moment lang herrschte Stille und Erich hatte die Hoffnung glauben zu dürfen, dass er den oder die Entführer überzeugt haben könnte. Aber nur für einen kurzen Moment.

„Ts, ts, ts – das ist aber eine sehr dumme Entscheidung, dich nicht zu deiner Person zu bekennen, mein lieber Luigi. Aber du kannst sicher sein, dass dem Syndikat ein solch grober Fehler niemals unterlaufen würde. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir auch noch Missverständnisse beseitigen müssten.“ Sein trockenes Auflachen jagte Erich erneut einen kalten Schauer über den Rücken und er begann unkontrolliert zu zittern.

„Um Gottes willen, nein, ihr irrt euch. Ich bin wirklich Erich Zeputschek und ich weiß nichts von irgendwelchem Geld. So glaubt mir doch, bitte!“ Seine Stimme klang nun weinerlich und er hatte kein Problem damit, sich dazu herabgelassen, es mit Flehen zu versuchen. Das war sonst nicht seine Art, denn er galt unter seinen Bekannten als ‚harter Hund‘, der vor nichts und niemandem Angst hatte und sich im Gegenteil, normalerweise ohne Rücksicht auf Andere nahm, was ihm gefiel.

Die heisere Stimme klang nun wirklich zornig. „Jetzt ist es aber langsam genug, Luigi. Bei uns kannst du weder mit Lügen noch mit Geflenne etwas erreichen. Das muss dir klar sein. Also lassen wir dieses Geplänkel und du sagst uns einfach, wo du das Geld hingeschafft hast, dann kannst du darauf hoffen, dass wir dich am Leben lassen. Also: Wie sieht es aus? Wo ist das Geld?“

Trotz seiner panischen Angst war Erich nicht sicher, welche Strategie hier angeraten war – oder ob es überhaupt eine Strategie abseits der Wahrheit gab. Aber offensichtlich waren die Entführer – er war sich aufgrund des Gesagten inzwischen sicher, dass es sich um mehr als einen handelte – nicht an der Wahrheit interessiert. Sie hatten eine feste Vorstellung, wen sie hier vor sich hatten und würden ihm die Wahrheit nicht glauben.

„Ich weiß nicht, von welchem Geld du redest. Ich habe dieses Geld nicht, wirklich. Verdammt noch mal, ich weiß noch nicht mal, woher ich es angeblich haben sollte.“

„Luigi, Luigi, Luigi, das ist aber wirklich lächerlich. Wie kann man nur so bescheuert sein und dem Syndikat die Tageseinnahmen seiner Spielcasinos rauben – und dann auch noch hoffen, damit durchzukommen. Woher wusstest du überhaupt, zu welcher Zeit die Geldboten an welchem Ort waren? Das sollen wir für das Syndikat nämlich auch noch herausfinden. Also?“

In Erich machte sich Verzweiflung breit. Der Wortführer seiner Entführer glaubte ihm nicht, und er war nicht in der Lage, ihm die Informationen zu geben, die er haben wollte.

„Verdammt, verdammt, verdammt“, brach es aus ihm heraus, „ich kann dir nichts sagen, was ich nicht weiß. Es tut mir leid“, seine Stimme begann schon wieder, etwas weinerlich zu klingen, „aber ich weiß es einfach nicht. Ich habe euer Geld nicht und ich bin auch nicht Luigi. So glaubt mir doch!“

Die Stille auf der anderen Seite der ihn noch immer blendenden Lampe dehnte sich aus und Erich dachte fast, seine Entführer hätten den Raum wieder verlassen. Doch dann hörte er wieder die heisere Stimme, die sich diesmal nun an eine zweite Person wandte, die ebenfalls im Raum sein musste.

„Ich denke, wir lassen ihm ein wenig Zeit, sich zu besinnen, bevor wir eine härtere Gangart einschlagen. Ganz offensichtlich ist ihm seine Lage noch nicht so ganz bewusst. Mal sehen, wie er in einigen Stunden darüber denkt, uns vielleicht doch noch die Wahrheit zu sagen.“

Erich hörte sich entfernende Schritte und kurz darauf das leise Quietschen der Tür, das ihm schon vorher aufgefallen war.

„Nein, nein“, schrie er ihnen hinterher, „lasst mich hier nicht alleine. Ihr habt den Falschen! Ihr … habt … den … Falschen!“

Seine verzweifelten Schreie verhallten ungehört oder zumindest ohne eine Reaktion. Nur Sekunden später erlosch das grelle Licht und er befand sich wieder in absoluter Dunkelheit, die ihm nach der vorhergegangenen Blendung noch schwärzer erschien als zuvor.

Er hatte keine Möglichkeit, den Verlauf der Zeit zu messen und auch seine gelegentlichen verzweifelten Rufe verklangen ohne jegliche Reaktion. Irgendwann stellte er diese Versuche ein und versuchte stattdessen, seine Optionen abzuwägen. Aber es wollten ihm keine einfallen. Die Wahrheit brachte ihn nicht weiter und er konnte seinen Entführern nicht geben, was sie von ihm wollten. Immer deutlicher begann er sich auszumalen, dass er es mit dem Leben würde bezahlen müssen, wenn er den Leuten nicht glaubhaft machen konnte, dass hier ein Irrtum vorlag – aber wie nur? Die Angst um sein Leben erschwerte zusätzlich jeden klaren Gedanken. Er war doch erst 35 und jetzt sollte er wegen eines dummen Missverständnisses sterben? Das konnte doch nicht sein! Sein ganzes Leben hatte er sich aus jeder misslichen Situation herauswinden können … und nun das? Ihm wollten keine Optionen für ein bestimmtes Vorgehen einfallen.

Er wusste nicht, ob eine oder mehrere Stunden vergangen waren, als sich seine Blase erneut meldete. Oh Scheiße, dachte er und begann zu schreien. „Ich muss auf die Toilette! Hallo, hört mich jemand? Ich muss mal! Verdammt, ihr könnt mich doch nicht einfach so hier sitzen lassen!“

Seine verzweifelten Rufe führten zu keiner Veränderung seiner Situation und so sehr es ihm widerstrebte, blieb ihm nach einiger Zeit keine andere Möglichkeit, als seine Blase zu entleeren, damit sie keinen Schaden nahm. Trotz der damit geschaffenen Erleichterung wurde seine Lage dadurch noch schlimmer. Er saß nun zur Bewegungslosigkeit verdammt in seinem eigenen Urin und der Gestank stieg ihm unangenehm in die Nase. Gleichzeitig begann er sich zu fragen, wie lange seine Entführer ihn wohl noch hier sitzen lassen wollten und was wohl passieren würde, wenn sich irgendwann sein Darm meldete und er ihn entleeren musste. Seit er ein Kleinkind gewesen war, hatte er nicht mehr in die Hose gemacht und er wusste noch nicht einmal, ob das in seiner Situation überhaupt ging – so fest wie er auf den Stuhl gefesselt war.

Ihm brach der kalte Angstschweiß aus und er begann erneut, laut um Hilfe zu rufen und immer wieder um Gnade zu flehen.

Als er erneut das leise Quietschen der Tür hörte und kurz darauf das grelle Licht entflammte, hoffte er inständig, dass es sich um eine positive Reaktion auf seine Rufe und sein Flehen handelte. Aber er wurde bitter enttäuscht.

„So, Luigi, jetzt hat der Spaß ein Ende, auch wenn ich dich gerne wie ein Häufchen Elend in deiner Pisse da sitzen sehe. Du bekommst jetzt letztmalig die Chance, uns zu sagen, wo du die Kohle versteckt hast, ansonsten müssen wir härtere Saiten aufziehen.“

Erich wollte sich nicht ausmalen, was der Typ mit ‚härteren Saiten‘ meinte.

„Ich weiß doch nichts!, schrie er verzweifelt.

„Pass auf, du Vollidiot“, zischte die Stimme, „ich weiß ja nicht, ob du mal den Film ‚Der Pate‘ gesehen hast, aber wenn, dann kannst du dich sicher an die Szene erinnern, als einer von Don Vito Corleones Männern einem anderen zur Bestrafung den Schwanz abgeschnitten hat. Wenn du jetzt nicht gleich mit der Wahrheit herausrückst, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als genau das mit dir zu tun, ist das klar?“

Wieder wurde Erichs ganzer Körper von unkontrolliertem Zittern erfasst. Ja, er hatte diesen Film gesehen. Und ja, er erinnerte sich leider viel zu gut an diese Szene, in der man zwar nichts gesehen hatte, sondern lediglich die unmenschlichen Schreie des armen Opfers hatte hören müssen. Sie hatten sich für alle Zeiten in sein Gedächtnis eingebrannt. Er hatte bereits damals mitgelitten und sich seit dieser Zeit kein schlimmeres Schicksal vorstellen können.

Seine Schreie wurden unkontrolliert und wollten nicht enden. Der Speichel flog in Spritzern aus seinem Mund in Richtung des Scheinwerfers und es dauerte Minuten, bis er sich soweit beruhigt hatte, dass er heftig atmend auf seinem Stuhl zusammensank.

„Also“, erklang wieder die verhasste Stimme, „nachdem du dich jetzt beruhigt hast, verrätst du uns jetzt sicherlich gerne, woher du gewusst hast, dass die Leute vom Syndikat letzten Donnerstag das Geld transportieren würden und wohin du es geschafft hast.“

Erich wollte erneut seine Unschuld hinausschreien, als ihm auf einmal dämmerte, was der Mann gerade gesagt hatte.

„Was? Was hast du gesagt? Letzten Donnerstag? Wann am letzten Donnerstag?“ Erstmals hatte er einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass er den Entführern vielleicht doch beweisen konnte, dass er nicht Luigi war. „Sag mir, wann das gewesen sein soll. Bitte. Ich glaube, ich habe ein Alibi. Bitte, ich kann euch beweisen, dass ich nicht Luigi bin. Bitte, bitte.“

Er hörte leises Getuschel von jenseits der Lampe.

Schließlich erklang die Stimme wieder und sagte ihm, wenn auch widerwillig, was er hatte hören wollen. „Am Donnerstag, um 23:30 Uhr. Und woraus soll nun dein angebliches Alibi bestehen?“

Erich konnte nicht verhindern, dass ihm ein selbst in seinen eigenen Ohren irre klingendes Lachen entfleuchte. Als er sich wieder beruhigt hatte, sprudelten die Informationen aus ihm heraus.

„Da war ich im Stadtpark und hab da eine Alte genagelt, das könnt ihr in der Presse nachlesen.“

„Wieso sollte in der Presse stehen, wenn du mit einer Frau im Stadtpark bummst. Das ist doch absoluter Quatsch. Ich sehe, das hat keinen Sinn mit dir, also müssen wir dir jetzt leider deinen mickrigen …“

„Nein, nein, nein … du verstehst das nicht“, fiel Erich ihm ins Wort. „Die Schlampe war nicht wirklich damit einverstanden und dann hat am nächsten Tag in der Presse gestanden, dass sie vergewaltigt worden wäre, die blöde Kuh. Läuft mitten in der Nacht im Minirock durch den Park und stellt sich dann so zimperlich an. Ihr könnt das nachlesen. Ging für zwei Tage durch die Presse, ehrlich!“

„Das kannst du doch genauso gut in der Zeitung gelesen haben. Was soll denn das für ein Alibi sein. Lächerlich. Ich hab jetzt genug von diesem albernen Gewäsch gehört.“

„Nein, halt, mach mal langsam, ich kann das doch auch beweisen.“ Seine Worte überschlugen sich fast in der Eile, in der er seine Entführer davon überzeugen wollte, dass er der Falsche war. „Ich habe ihr doch ihren blöden rosa Schlüpfer vom Leib gerissen und den hab ich mitgenommen. Der ist zuhause bei mir an meiner Pinnwand. Ihr müsst doch auch meine Wohnungsschlüssel haben, die waren in meiner Jackentasche, dann könnt ihr doch da nachsehen. Dann seht ihr auch, dass ich Erich Zeputschek bin und überhaupt, das hat doch auch in der Zeitung gestanden, das mit dem Schlüpfer. Ihr braucht doch nur in meine Wohnung …“

Erich unterbrach seine Ausführungen, als urplötzlich der Scheinwerfer erlosch.

„Hallo? Seid ihr noch da? Hallo? Was ist denn nun? Schaut ihr bei mir nach, oder was? Hallo?“

Er erhielt keine Antwort mehr und es breitete sich eine beängstigende Stille in dem dunklen Raum aus.

***

„Was ist, meinst du, dass das reicht?“

„Aber selbstverständlich, gar kein Problem. Wir haben sein Geständnis auf Video, wir haben keine Spuren hier im Keller hinterlassen und die Polizei muss ihn nur noch aufsammeln. Wir senden denen anonym das Video, dazu ein kleiner Zettel mit der Adresse dieses Kellers. Der Wohnungsschlüssel liegt neben dem Stuhl und keiner wird uns nachweisen können, dass wir etwas damit zu tun haben.“

„Aber kann die Polizei die Beweise denn gegen ihn verwenden? Immerhin hat er das nur gestanden, weil wir ihn entführt haben?“

„Mach dir mal keine Gedanken, ich habe mich schlaugemacht. Da wir ihn nicht gezwungen haben, etwas zu gestehen, was wir ihm in den Mund gelegt haben, können die das ohne Probleme verwenden. Der hat von sich aus mit der Vergewaltigung angefangen und niemand kann uns was … und ich hoffe, dass unsere Schwester in dem Moment, in dem dieses Schwein in den Bau wandert, vielleicht ein wenig besser mit dieser schlimmen Situation klarkommt.“

Der junge Mann nahm mit behandschuhten Händen die Videokassette aus der Videokamera, die er von ihrem Standplatz hinter dem Scheinwerfer mitgenommen hatte und schlug anschließend seinem Bruder auf die Schulter.

„Komm, wir haben noch Einiges zu tun. Das Schwein kann zwar ruhig noch ein paar Stunden hier schmoren, aber er soll natürlich nicht verdursten oder so. Also, lass uns unsere Arbeit machen, damit unser Schwesterlein hoffentlich bald wieder besser schlafen kann.“


Krimikurzgeschichte von Dieter Auras mit dem Titel

Folter: Rede oder Stirb

Der Autor

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