Story des Monats – März 2018

Asteroid

(c) Arizona State University / Peter Rubin

Fred hatte den Dreh raus. Leicht in die Hocke gehen und dann sachte, ganz sachte, die Beine strecken. Der Sprung hatte ihn etwa fünfzig Meter nach oben getragen. Es würde eine Weile dauern, bis er den Fels des Asteroiden wieder unter sich spürte. Der Blick über die zerklüftete Landschaft des Himmelskörpers war in dieser Höhe atemberaubend.

 

Ich bin leicht wie eine Feder, dachte Fred.

Die Gravitationskraft betrug nur einen Bruchteil von dem, was er von der Erde gewohnt war.

Natürlich war er sehr behutsam vorgegangen. Man hatte ihn davor gewarnt, mit zu starkem Druck von der Oberfläche abzuspringen, da man in den Weltraum hinauskatapultiert werden könnte und dann in alle Ewigkeit als Trabant um den Asteroiden kreisen würde.

Was er beim Abspringen allerdings nicht bedacht hatte, war der große Krater unter ihm. Der Sprung war mit einer geringfügigen seitlichen Ablenkung erfolgt, aber das reichte aus, dass der schwarze Schlund nun unaufhaltsam auf Fred zukam. Es gab keine Möglichkeit zu verhindern, dass er wie in Zeitlupe in ihn hineinstürzen würde. Er wusste nicht, wie tief das Loch war. Zuvor hatte er einen ähnlichen Krater vermessen und war auf eine erstaunliche Tiefe gekommen. Ein Objekt, das in ihn hineinfiele, würde mehr als eine Stunde brauchen, bis es am Grund aufschlüge.

Fred wusste, was ihm bevorstand: ein Tod in Slow Motion. Unaufhaltsam würde er in den Krater hineinschweben, dabei beständig an Geschwindigkeit zunehmen und schließlich am Boden mit einer Kraft aufschlagen, als ob er auf der Erde von einem Hochhaus gesprungen wäre.

Panik überkam ihn. Der Aufschlag könnte in einer Stunde sein, vielleicht später. Er konnte an seiner Situation nichts ändern, war den physikalischen Gesetzen unterworfen, die seinen Körper in die Finsternis des Kraters zogen. Er überlegte, ob er einfach den Helm seines Raumanzugs öffnen, sich dem Vakuum des Weltraums aussetzen sollte, um wenigstens den Zeitpunkt seines Todes selbst zu bestimmen.

Nach einigen Minuten verspürte er Ruhe. Eine große Ruhe. Längst hatte er in dem stockdunklen Krater jegliches Gefühl für Geschwindigkeit, Raum und Zeit verloren. Er wollte sich verabschieden. Schnell hatte er die Verbindung zu seiner Frau hergestellt, ihr die Situation klargemacht, in der er sich befand. Es war ein trauriges Lebewohl für die Ewigkeit. Anschließend sprach er mit seinen Eltern, seiner Schwester und mit seinem besten Freund Tom, verabschiedete sich von jedem von ihnen, bis die Verbindung im Inneren des massiven Fels zusammenbrach.

Dann war er wieder alleine, hörte nur sein Herz schlagen und sein Atmen. Er hatte mit allen gesprochen, die ihm in seinem Leben etwas bedeuteten, hatte sie über seinen bevorstehenden Tod informiert und sich verabschiedet. Er war bereit für das Unausweichliche. Wann würde er sterben? Die Dunkelheit um ihn herum lieferte keinen Anhaltspunkt auf die Geschwindigkeit, mit der er nun durch den Krater raste. Auch die Entfernung zum Grund, auf dem Fred zerschmettert würde, war ungewiss. Fred hatte sowieso keine Vorstellung von Zeit mehr.

Er dachte an seine Frau, an seine Kindheit, an sein Leben, das zu Ende war.

Plötzlich verspürte er einen Schlag an der Schulter. Er musste gegen den Kraterrand gestoßen sein. Wieso aber hatte die Begegnung mit dem Granit sie nicht zertrümmert? Er musste wesentlich langsamer fallen als er dachte! Gleich darauf erhielt er einen weiteren Schlag, beinahe eine sanfte Berührung, diesmal am Oberarm. Und dann erblickte er die Sterne.

Verblüfft sah er sich um. Er befand sich einige Zentimeter über der Oberfläche des Asteroiden und begann langsam, auf das kleine Loch zurückzuschweben, aus dem er gerade herausgekommen sein musste. Schnell umfasste er einen der kantigen Felsvorsprünge neben der Öffnung und setzte vorsichtig beide Füße auf den felsigen Boden. Danach ließ er sich erschöpft auf einem Stein nieder.

Er war nicht tot. Es hatte keinen Boden gegeben, auf den er zugerast war. Der Krater, in den er gefallen war, musste wie ein Tunnel quer durch den Asteroiden reichen und auf der anderen Seite einen Ausgang haben. Die Schwerkraft, die ins Zentrum des Himmelskörpers wirkte, hatte ihn zunächst beschleunigt, dann aber wieder abgebremst, als er über das Zentrum hinaus auf die andere Seite des Asteroiden geflogen war. Am Ende war er wie ein Korken in Zeitlupe aus dem Loch ausgetreten und einige Zentimeter in die Höhe befördert worden.

Fred wählte die Nummer seiner Frau. Es war ein seltsames Gefühl.


Der Titel Dieser Geschichte von Robert Maier lautet:

Tod in Zeitlupe

 

 

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2 Gedanken zu “Story des Monats – März 2018

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