Story des Monats – Februar 2018

Stasi Duftproben

Stasi Duftproben

Sie hatte lange überlegt, was ihr am meisten fehlte, seit er weg war. Natürlich fehlte ihr seine Art zu reden, seine Art zu lachen. Natürlich war es auch das, was er sagte, wie es sich anfühlte, angesehen zu werden. Aber es war ja schließlich so, dass er kein guter Mensch war. Kein guter Einfluss überhaupt.

Wenn er da war, dann war sie so vollgesogen von Gegenwart, dass sie gar nicht mehr weg wollte. Natürlich tranken sie zu viel. Sie sahen fern und taten nichts außer sich zu lieben, zu berühren und – ja –  vor allem zu riechen. Sehr physisch, dachte sie später. Rein chemisch betrachtet sind Gerüche Moleküle, die sich von einem Körper lösen und über die Nase in einen anderen eindringen. Eine Art Vereinigung also. Und die Moleküle, die sind auf ganz natürliche Weise anders, wenn man wütend ist, oder müde. Sie sprechen eine eigene Molekülsprache miteinander.

Nun, er war ja dann weg. Sie hatte es gewollt und es war auch notwendig gewesen und es war ihr ja auch besser gegangen. Endlich war wieder eine gewisse Ordnung in ihr Leben getreten. Physisch sowieso, aber auch sonst. Sie hatte wieder Pläne, sah andere Menschen. Es war da so eine Leere, die sie trieb. Aber es musste wohl sein. Sie wollte ja auch mal was darstellen. Irgendwie was sein, das einen Namen hat. Die Leere war groß und hatte sie schon sehr wütend gemacht. Warum fehlt einem jemand, den man selbst vor die Tür gesetzt hat? Mit viel Geschrei übrigens.

Zwei Seelen in ihr, die sich streiten, wäre der falsche Ausdruck für ihren Zustand – es war ihr Köper, der ihn haben wollte. Aber sie wollte nicht und wenn sie noch alte Sachen von ihm fand, dann warf sie die wütend weg. Einmal fand sie ein benutztes Hemd hinterm Bett. Daran sieht man, was für einer er war. Es war nicht mehr zu ertragen gewesen. Als ihr sein Schweißgeruch in die Nase stieg, musste sie weinen. Richtig viel weinen, über ihre Einsamkeit und diesen vergeblichen Kampf um ein richtiges Leben. Das Hemd warf sie trotzdem weg.

Doch dann konnte sie nicht mehr widerstehen.

Nein, sie rief ihn nicht an! Aber doch seinen besten Freund. Sie wollte wissen, wo er war und ob er nicht vielleicht auch die Kurve gekriegt hatte. Wenigstens ein bisschen Ordnung gefunden hatte.

„Den gibt’s nicht mehr“, sagte der  Freund nur.

Ist begraben, auf dem Waldfriedhof. Ging ganz schnell. Hatte keine Lust mehr.“

Sie sagte nichts mehr und legte auf.

Scheiße. Das Hemd war weg. Der Mülleimer geleert. Das durfte doch nicht sein. Das durfte doch nicht sein! Da waren noch Briefe von ganz früher. Aber das war nicht dasselbe. Als sie das Hemd in der Hand gehalten hatte, da hatte er neben ihr gestanden. Und sie begriff, dass sie ihn ein weiteres Mal verstoßen hatte. Die ganze Wut war jetzt sinnlos und so blieben nur die Leere und die Sehnsucht. Wie verrückt schob sie Möbel von der Wand, hob die Kommode hoch, warf Bücher aus dem Regal. Aber sie hatte ganze Arbeit geleistet. Er war wirklich weg.

Und mit ihm der Stoff ihres Lebens. Jedes Molekül ihres Körpers sagte, nein schrie, lauthals „nein!“.

Bis eine ganz gewitzte Ecke in ihren Gehirnwindungen sie an einen Artikel, den sie kürzlich gelesen hatte, erinnerte. Sie hatte so lachen müssen. Aber jetzt wurde sie sehr ernst. Sie war sicher, dass auch von ihm eine Geruchsprobe existierte.

In der Nacht träumte sie von einer Regalwand in einem riesigen Büro, in dem Köpfe in Marmeladengläsern lagen. Lebende Köpfe. Und seiner lag da und schlief – so unschuldig, so ohne Pläne, so ergeben in sein Hier und Jetzt, wie er immer neben ihr geschlafen hatte. Sie fuhr im Schlaf auf und schrie.

Er musste da raus.

Am nächsten Morgen kaufte sie eine Perücke. Sie ging zur Polizei und erzählte, sie wolle einen Roman über die Geruchssammlung schreiben, ob sie die einmal ansehen dürfte. Es war nicht schwer, den älteren, dicklichen Herren um den Finger zu wickeln. Sie setzte sich auch brav und tat, als schriebe sie sinnvolle Sätze. Sie ließ sich das System erklären und fand IHN schließlich. Der nette Beamte telefonierte im Nebenraum. Sie nahm IHN vom Regal und öffnete das Glas und ließ IHN raus, steckte IHN in ihre Tasche und versteckte das leere Glas ganz hinten in der Ecke. Sie schrieb an der anderen Seite der Regalwand noch etwas in ihr Heft, um den Beamten abzulenken und ging dann mit höflichen Abschiedsworten.

Draußen riss sie sich die Perücke vom Kopf und rannte nach Hause.

Das Tüchlein vor der Nase legte sie sich ins Bett und war glücklich. Jetzt war er da. Ganz bei ihr allein. Würde nie mehr gehen und würde sie trotzdem nie mehr behindern.


Der Titel Dieser Geschichte von Barbara Brüning lautet:

Geruchsprobe

Diese fiktive Geschichte entstand aus Anlass einer Zeitungsmeldung, dass die Polizei in bestimmten Fällen Geruchsproben von Straftätern nimmt, um sie eventuell durch speziell ausgebildete Spürhunde eines Verbrechens überführen zu können.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s