Story des Monats – Januar 2018

Wolfskopf

Wolfskopf

Das Knurren klang seltsam nah, als käme es von irgendwo aus der Wohnung. Er wohnte allein, hatte keine Tiere. Und doch war es deutlich und ganz unverkennbar ein Knurren.

Er ging rüber ins Schlafzimmer, schaute in die Küche. Hatte er das Radio angelassen? Nein. Bestimmt war ein Nachbar mit Hund an der Wohnungstür vorbeigegangen. Verdammt nochmal, warum hielten sich Menschen auch Köter? Gingen zu jeder Tages- und Nachtzeit mit ihnen auf die Straße? Das hatte er noch nie verstanden.

Das zweite Mal war es noch näher. Er stand in der U-Bahn, neben sich ein schweißiger Jüngling mit Stöpseln im Ohr, vor sich eine alte Frau, die Handtasche auf dem Schoß. Und hinter ihm, in seinem Nacken, dieses Knurren.

Er fuhr herum, suchte nach dem Hund. Doch da war keiner. Keine Dogge, kein Rottweiler, nicht einmal ein Pinscher. Und doch hatte er es gehört. Ganz sicher. Tief und warnend.

Und dann abends, in der Kneipe, über den ganzen Lärm und die Musik hinweg. „Hörst du das nicht?“, fragte er Udo.

„Was denn?“

„Na das Knurren!“

„Ein Wolf oder was?“

Nein, kein Wolf. Es war ein Schäferhund, da war er sich sicher. Ein Schäferhund mit zurückgelegten Ohren und drohend entblößten Zähnen.

„Ich muss hier raus!“

Es hatte geregnet. Das Licht der Straßenlaternen flimmerte auf dem nassen Asphalt. Furchtsam sah er sich um. Da! Hinter dem Wagen! Ein Schatten.

Er lief, rannte bis zur Kreuzung, wo es mehr Straßenlaternen und Autoscheinwerfer gab. Dort erst sah er hinter sich. Aber hinter ihm war nichts; nur die nachtdunkle Straße.

Er wurde dieses Bild nicht los. Nicht mal Bier half. Er sah es vor sich, wie der Hund die Zähne bleckte und die Haut auf der Schnauze zu bedrohlichen Falten schob.

Eine alte Frau mit einem Dackel kam auf ihn zu. Er schrie: „Halten Sie mir die Dreckstöle vom Leib!“ Sie zuckte zusammen und machte einen Bogen um ihn.

Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Was geschehen war, ließ sich nicht mehr ändern. Also konnte er ebenso gut einfach weitermachen, sein Leben weiterleben.

Außerdem: Er hatte ja helfen wollen, wirklich. Aber die Polizei zu rufen war einfach nicht in Frage gekommen. Nach drei Bier am Steuer, da wäre der Lappen futsch gewesen. Und er brauchte das Auto. Ohne die Kiste kam er nicht zur Arbeit, und dann wäre auch dieser Job wieder am Arsch.

Wie sie dagelegen hatte, die Beine seltsam verdreht. Er hatte ja angehalten, hatte sehen wollen, wie es um sie stand. Er hätte sie zu einem Arzt gefahren, in ein Krankenhaus. Aber der Hund hatte ihn abgehalten, hatte sich vor sie gestellt und ihn angeknurrt, als wollte er ihm an die Gurgel gehen. Was hätte er denn tun sollen? Es wäre alles anders gekommen, wenn dieser Scheißköter nicht gewesen wäre.

Und jetzt war dieses Knurren schon wieder hinter ihm. Er drängte sich zwischen die Leute an der Ampel, stellte sich ganz nach vorne. Wann wurde es endlich grün? Ängstlich schaute er über die Schulter. Da! Da stand er, der Hund, zwischen den Leuten und Hass sprüht aus seinen gelben Augen.

„Halten Sie das Vieh zurück!“

Betretene Blicke, niemand sah ihn an, niemand sah auf den Hund. Sie taten alle so, als wäre da nichts. Der Hund senkte den Kopf wie zum Angriff, spannte die Muskeln. Gleich, gleich würde er ihm an die Kehle gehen!

Er wich zurück, stolperte über den Bordstein, fiel. Reifenquietschen, ein dumpfer Ton, ein entsetzlicher Schmerz in seiner Brust. Und dann … nichts mehr.


Text: „Der Hund“ von Esther S. Schmidt


Das letztjährige „Sleepy Haunau“-Plakat der hanauer Autorengruppe ZwanzigZehn inspirierte mich zu dieser kurzen Story. Die ersten Sätze waren sofort da – und dann brauchte ich zwei Monate um herauszufinden, wie es weitergehen würde. Ich hoffe, die Geschichte hat ein wenig Spannung in Ihren Alltag gebracht.

Für mehr Informationen zu meinem Schreiben besuchen Sie mich gerne unter esther-schmidt.com oder auf facebook unter AutorinEstherSchmidt.

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