Mariechens Weihnacht (Forts.)

1224Über diese Reise, die der Alte nun antrat, gibt es gar nicht so sehr viel zu berichten.

Er kannte den Weg tatsächlich noch, immer Richtung Norden. Sein altes erfahrenes Gespür leitete ihn quer durch den großen Wald in die Richtung, in der die große Stadt lag und aus seinen Erinnerungen aus Kindertagen, kam ihm das Bild des Hauses in den Sinn. Das Haus in das ihn diese Kinder damals brachten. Der alte Eber wusste, dass sie nur mit ihm spielen wollten und nichts Böses im Sinn hatten. Er hatte auch bemerkt, dass besonders der jüngste Spross der Familie sehr an ihm hing und seine Nähe suchte und  auch er hatte den Kleinen wirklich gern gehabt. Doch der kleine Junge konnte ihn nicht vor diesem riesigen Hund, der damals noch dort wohnte, beschützen und für den kleinen Frischling, der er zu dieser Zeit war, endeten die Begegnungen mit diesem Hund meist sehr schmerzhaft. Außerdem vermisste e seine Mutter und den Wald damals sehr.

Und noch etwas wusste der alte Haudegen, während er eilig durch den Wald trottete: Sie würden ihn wiedererkennen. Er war zwar jetzt alt und im Gegensatz zu damals riesig, aber sie würden wissen, dass er der Frischling von damals war, da war er sich absolut sicher.

Wildschwein

Wildschwein

Den ganzen Tag und die halbe Nacht noch lief der große alte Eber, ohne sich kaum eine Pause zu gönnen. Er war der Stadt so nahe gekommen, dass er sich entschlossen hatte, den Schutz der Dunkelheit zu nutzen, um in den Straßen der Vorstadt nach diesem Haus zu suchen, dass er so klar vor sich sah. Es dauerte wirklich eine geraume Weile und er musste viel hin und her laufen, aber letztendlich stand er schnaufend vor diesem Haus, das nicht nur gute Erinnerungen für ihn barg.

Es war jetzt mitten in der Nacht und irgendwie zu versuchen, jemanden zu wecken, machte eigentlich keinen Sinn. Die Bewohner des Hauses würden sich nur fürchterlich erschrecken. Also schlich der Alte um das Haus herum, in den Garten und legte sich zum Schlafen einfach auf den Rasen.  So sehr gemütlich fand er das jetzt zwar nicht, aber er war auch einfach hundemüde.

Und so fand man ihn dann am nächsten Morgen, tief schlafend auf dem nassen kalten Grün, unweit des überdachten Wintergartens, vor. Zunächst war man natürlich erschrocken und wusste nicht so recht, was das bedeuten sollte, dass dort so einfach ein riesiges Wildschwein mitten im Garten liegt. Und dann wurde vermutet, dass es vielleicht tot ist, weil es sich überhaupt nicht bewegte. Die gesamte Familie stand hinter den Terrassenfenstern und beobachtete das große graue Schwein, das dort lag und keinen Mucks von sich gab.
Als auch weiterhin nichts passierte, fasste sich der jüngste von allen endlich ein Herz und öffnete leise die Tür, die in den Garten führte. Er war zwar der jüngere der beiden Kinder, aber jetzt schon ein großer junger Mann, drahtig und durchtrainiert und ihm machte nichts so schnell Angst. Er schnappte sich den Spaten, der draußen an der Wand lehnte und näherte sich dann vorsichtig dem alten Eber, der immer noch ganz ruhig auf dem Rasen lag.

Aber der Alte schlief gar nicht mehr. Der schlaue Fuchs verhielt sich einfach nur ganz ruhig und bewegte sich nicht, um dem jungen Mann Zeit zu geben, ihn genau zu betrachten.
Und sein Plan ging tatsächlich auf.

Nachdem der Mann ihn vorsichtig einmal umrundet hatte und noch immer nichts Gefährliches von diesem riesigen Tier auszugehen schien, ging er vor dem alten Eber in die Hocke und begann, ihn sich genauer anzuschauen.
„Sollte das vielleicht etwa..?“ Er war sich nicht sicher. Es war schon so viele Jahre her und wie sollte sein „Oskar“ hierhergekommen sein und warum? Und wie alt wird ein Eber überhaupt? Sein Blick glitt zum rechten Ohr des Ebers. „Da war doch…“ Ja, tatsächlich! Ihm wurde schlagartig klar, wen er da vor sich hatte, denn so einen kleinen abgebissenen Ohrstummel hatte nur einer: Dieser riesige graue Berg, der da vor ihm bewegungslos auf dem Rasen lag, war tatsächlich sein Oskar!

Aber warum lag der hier? Und war er wirklich tot? Vorsichtig streckte der junge Mann seine Hand aus und strich dem alten Eber über seine feste Schnauze. „Oskar“, flüsterte er, „was machst du hier? Wie hast du mich nach all den Jahren gefunden und was ist überhaupt passiert?“

Jetzt öffnete der alte Eber langsam seine Augen und schaute dem jungen Mann direkt ins Gesicht. Dieser erschrak zunächst, doch als Oskar sich nicht weiter rührte, fasste er gleich wieder Vertrauen und strich ihm noch einmal über die Schnauze.
„Es ist alles in Ordnung“, rief er seiner Familie zu, die noch immer hinter den großen Fenstern stand. „Es ist Oskar. Mein Oskar von damals. Aber ich kann mir keinen Reim darauf machen, wie er hierhergekommen ist und was das zu bedeuten hat.“

Zögerlich kamen nun all die anderen heraus und traten langsam auf Oskar zu. „Meine Güte, ist der riesig“, sprach seine Schwester aus, was alle dachten und seine Mutter fragte mit ängstlicher Stimme: „Meinst du wirklich, dass er uns erkennt und uns nichts tut?“ Der junge Mann, der weiterhin Oskars Schnauze kraulte, erwiderte: „Wenn er das wollte, hätte er es schon längst getan. Und es muss doch einen Grund geben, dass er hier aufgetaucht ist.“

Der Vater des jungen Mannes sagte gar nichts, schaute stattdessen nur sehr nachdenklich auf Oskar hinab und strich sich dabei immer wieder durch seinen wohlgestutzten dichten grauen Bart.
„Ich glaube, das ist eine Botschaft“, sagte er dann langsam und sah seine Familie dabei eindringlich an. „Eine Botschaft?“, fragte die Schwester irritiert, „wie meinst du das? Was für eine Botschaft denn?“ Langsam ging der Vater in die Knie und schaute Oskar dabei unverwandt in die Augen.  „Oskar“, begann er, „das hier ist kein Zufall. Du bist aus einem ganz bestimmten Grund hier und wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich tatsächlich ihn zu kennen.“

Der alte Eber hob ganz allmählich seinen mächtigen Kopf und blickte den Mann mit dem grauen Bart jetzt voll an. „Ja, das muss es sein,“ sprach der Vater des jungen Mannes weiter, „du hast eine Nachricht für uns. Es ist etwas geschehen, etwas, dass dich veranlasst hat, diesen weiten Weg auf dich zu nehmen und uns zu finden. Es muss etwas Schlimmes mit meiner Mutter passiert sein, etwas mit eurem Mariechen.“ Bei diesen Worten richtete sich der alte Eber langsam vollends auf, ging ein paar Schritte auf den älteren Mann zu und ließ sich direkt vor ihm wieder nieder. Da dieser noch immer im Gras kniete, schauten sie einander nun Auge in Auge an.
„Ja, das muss es sein,“ sagte der Mann noch einmal. „Etwas ist passiert und du bist hier, um uns zu holen.“ Die Mutter des jungen Mannes hatte ob des Anblicks, der sich ihr jetzt bot, ihre Scheu  völlig verloren und ging jetzt ebenfalls in die Knie. Eine Weile schaute sie das große graue Tier nur schweigend an, musterte ihn so eindringlich, als versuche sie in seinen Augen das zu lesen, was er in ihren Worten nicht sagen konnte. Dann neigte sie sich zu dem Eber vor und flüsterte:
„Oskar, heute ist doch Heiligabend. Sag, hat es etwas damit zu tun?“
Da senkte der alte Eber seinen massigen Kopf und stupste behutsam ihre Hände an, die in ihrem Schoß lagen. „Das gibt`s doch nicht,“ flüsterte die Frau fassungslos und sah mit Tränen in den Augen erst ihren Mann und dann ihre Kinder an. „Oskar holt uns zu Weihnachten in den Wald.“

Jetzt ließen sich auch die Geschwister in dem kalten feuchten Gras nieder und schauten den großen alten Eber ehrfürchtig an. „Ich denke,“ sprach die Schwester dann als erstes, „wir sagen zunächst alles ab, was uns gerade noch so wichtig schien und machen uns dann einfach auf den Weg.“

Und so geschah es. Es machte nichts mehr aus, das so wichtige Essen mit den Geschäftspartnern sausen zu lassen, es war auch nicht mehr wichtig, dass es ja die teuren Karten für das Ballett gab und man danach Plätze im angesagtesten Restaurant der Stadt ergattert hatte. Es spielte keine Rolle mehr, dass man die Jungs vom Fußballverein so lange nicht mehr gesehen hatte und dafür Weihnachten um die Häuser ziehen wollte.

Wichtig war allein, zu Mariechen zu kommen. Für Oskar musste dann noch ein Pferdeanhänger besorgt werden, denn der Gute sollte den ganzen Weg nicht zurücklaufen müssen und nach einigen weihnachtlichen Besorgungen machte sich die ganze Familie endlich auf den Weg zu Mariechen. Zu Mariechen in den Wald.

Ich brauche euch nicht zu sagen, welch eine Freude es war, als der Sohn mit seiner Frau und den nun schon erwachsenen Enkelkindern so unerwartet im Wald auftauchte. Mariechen konnte ihr Glück kaum fassen und sie lachte und weinte abwechselnd und dabei kniff sie sich immer wieder in die Arme, ob sie denn auch nicht träume.  Und sie tanzte und sang und war so fröhlich und glücklich wie schon seit ewigen Zeiten nicht mehr.

Was ich euch aber noch erzählen muss, ist, dass die Tiere im Wald es kaum erwarten konnten, ob denn der alte Eber nun sein Versprechen halten konnte und so postierten sie alles was Flügel hatte, hoch oben in den Baumwipfeln, damit diese nach den Ankömmlingen Ausschau halten konnten. Immer wieder wurde von Fuchs, Eichhörnchen und Luchs und all den anderen Tieren ungeduldig gefragt:
„Und? Sind sie schon zu sehen?“ Als dann aber endlich die erlösende Nachricht kam, verbreitete sie sich wie ein Lauffeuer durch den ganzen Wald und jeder, der auch nur irgendwie kriechen, hoppeln oder rennen konnte, machte sich auf zu Mariechens Hütte. Jeder wollte die Familie und natürlich auch den alten Eber gebührend begrüßen.
Na, ihr könnt euch vorstellen, was die für Augen machten, als sie dort ankamen.

Und dann erst Mariechen! Sie wusste gar nicht wie ihr geschah und erst so nach und nach erfuhr sie, was sich denn eigentlich zugetragen hatte und vor lauter Glück, begann sie immer wieder zu weinen und gleichzeitig zu lachen und tanzte so auf ihren alten Beinen von einem zum anderen und wollte am liebsten die ganze Welt umarmen.

Wurde das ein Fest! Alles was zwei und vier Beine hatte, hatte seine Vorräte geplündert, so dass auch niemand zu kurz kam, die Vögel sorgten für Musik und es wurde getanzt und gelacht und alle  waren so fröhlich und ausgelassen, wie es dieser Wald noch nie gesehen hatte.

Und noch heute wird allen nachfolgenden Generationen von Igel, Reh und Co von diesem denkwürdigen Abend erzählt. Von Mariechens Weihnacht.

„Gut gemacht, Eber,“ sprach der Uhu.
„Gut gemacht, Uhu,“ antwortete der alte Eber.
„Die Menschen sollten nicht immer so eilig und so furchtbar beschäftigt sein,“ sprach der Uhu. „Sie sollten einander mehr achten und sich wertschätzen.“
„Jo,“ antwortete der alte Eber und dachte dabei:“Ach herrje, jetzt kommen wieder all diese vielen Weisheiten.“ Doch dem war nicht so.

Der alte ehrwürdige Uhu schwieg.

Sabine Marthiensen, im Dezember 2016

Teil 1 dieser Geschichte erschien am 12. Dezember

 

(c) Foto: pixabay.com

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s