Nur wenn man artig war

1223Der Saal sah wunderschön aus in seinem weihnachtlichen Schmuck, die jungen Leute, die dort zusammengekommen waren, hatten beste Laune. Alle waren in ausgelassener Stimmung, der Raum war erfüllt von fröhlichen Wortwechseln und Gelächter.

Nur Michael Wessler schaute missmutig hinüber zur anderen Seite des Tisches, an dem er Platz genommen hatte. Warum nur war er davon ausgegangen, dass diese Weihnachtsfeier anders sein würde als die früheren Klassenfeten? Nichts, rein gar nichts hatte sich geändert.

Dort drüben saß Grit Jahnke, in die er schon seit Beginn der zwölften Klasse heimlich verliebt war. Für ihn war sie die wunderbarste Frau weit und breit, und heute Abend sah sie noch atemberaubender aus, als er sie seit ihrer Abi-Feier vor anderthalb Jahren in Erinnerung hatte. Ihr langes, weizenblondes Haar schien heute noch glänzender, ihre blauen Augen noch leuchtender, ihre Lippen noch voller und weicher als damals. Und ihr rotes, knielanges, eng anliegendes Kleid betonte ihre schlanke Figur so, dass ihm der Atem stockte.  Daher hatte er zur Begrüßung nicht mehr als »Hallo Grit« hervorbringen können.

Das hatte Thorsten Böttcher natürlich ausgenutzt. Thorsten mit seinen eins neunzig, den breiten Schultern und muskelbepackten Armen, mit seiner lässigen selbstbewussten Art und mit einem Vater, dem eine BMW-Werkstatt gehörte. Schon früher, bei den Schulfeiern, hatte er Grit jedes Mal mit Beschlag belegt, so dass Michael nie eine Chance geblieben war, mehr als ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

Doch warum sollte Grit auch mit Michael reden wollen? Er war gut zehn Zentimeter kleiner als Michael und viel schmaler. Ohne seine Brille war er blind wie ein Maulwurf, und sein Vater leitete lediglich eine kleine Software-Firma, war also in einem Bereich tätig, der für Grit sicher völlig uninteressant war.

Michael seufzte. Er konnte Thorsten nicht das Wasser reichen. In keinem Punkt. Vielleicht sollte er lieber gleich nach Hause gehen, statt den ganzen Abend zuzusehen, wie sich dieser Kerl mit Grit unterhielt. Nicht auszudenken, wenn er unfreiwillig Zeuge würde, dass zwischen den beiden sogar mehr passierte.

Doch halt! Täuschte er sich oder schweiften Grits Augen gerade suchend durch den Saal? Nein, kein Zweifel. Sie schienen aufzuleuchten, als ihr Blick ihn fand und bei ihm hängen blieb. Einen Moment lang lächelte sie ihn sogar an. Aber dann beobachtete Michael, wie ihre Augen genervt nach oben rollten. Er war sich nicht sicher, ob der Grund dafür darin zu suchen war, dass er sie anglotzte wie ein Mondkalb oder eher in Thorstens neuem Wortschwall. Jedenfalls deutete sie Richtung Bar, offensichtlich mit dem Ziel, ihren Begleiter dorthin zu schicken. Daraufhin stand Thorsten auf und trottete brav davon, wahrscheinlich, um Getränke zu holen.

„Jetzt oder nie!“, dachte sich Michael, erhob sich ebenfalls und umrundete den Tisch. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er vor Grit stand. „Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte er schüchtern und deutete auf den leeren Platz neben ihr. Mit eingezogenem Kopf wartete er auf die Abfuhr, die sie ihm sicher gleich erteilen würde.

Doch zu seiner grenzenlosen Überraschung strahlte sie ihn an. „Na klar!“

Er schwebte wie auf Wolken, als er so nahe bei ihr saß und sie ihren Blick auf ihn gerichtet hatte. Aber nur bis Thorsten mit den Getränken von der Bar zurückkam und auffordernd vor ihm stehen blieb. „Du störst, Wessler“, hörte er die dröhnende Stimme seines Konkurrenten. „Das ist mein Platz, auf dem du da sitzt.“

Michael fluchte innerlich, doch er stand auf, weil er sich auf keinen Fall mit Thorsten anlegen wollte. Eben wollte er Grit fragen, ob sie vielleicht später … Da bemerkte er sie neben sich. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und zeigte mit der anderen quer durch den Saal. „Schau, da drüben sind noch zwei Plätze frei. Gehen wir eben da hin.“

Noch ehe er ganz begriffen hatte, was sie vor hatte, schob sie ihn sanft in die angegebene Richtung. Thorstens enttäuschtes „Hey, Moment mal!“ quittierte sie lediglich mit einem „Ach ja, mein Drink. Vielen Dank!“ Damit nahm sie ihm ein Glas aus der Hand und ließ ihn einfach stehen.

Als Michel und sie sich auf die freien Stühle auf der anderen Seite des Raumes gesetzt hatten, kicherte sie fröhlich. „Danke, dass du mich vor dem Großmaul gerettet hast.“

„Großmaul?“, wiederholte Michael erstaunt. „Meinst du etwa Thorsten?“

Ihre Augen funkelten belustigt. „Kennst du vielleicht ein schlimmeres Großmaul als Thorsten Böttcher?“

Michael musste lachen. „Nein, kenne ich nicht. Aber ich dachte, du magst ihn.“

Grit zog die Nase kraus. „Wie kommst du denn darauf?“

„Na, weil du doch immer mit ihn zusammen hängst“, entfuhr es Michael. „Früher zumindest, auf jeder Fete und in jeder großen Pause.“

„Jaaaa“, grinste sie verlegen. „Anfangs fand ich es ja noch ganz schmeichelhaft, dass er mir ständig nachgestiegen ist, aber auf die Dauer ging er mir ganz schön auf die Nerven. Und jetzt, nachdem die Schule vorbei ist, hat er nur noch ein Thema: Autos, Autos, Autos und nochmal Autos. Wie öde ist das denn?“

Einen Moment lang genoss Michael den Klang dieser Worte, dann schnitt sie ein neues Thema an: „Ich habe gehört, du studierst Informatik und jobbst nebenbei bei deinem Vater?“

Er nickte und lächelte entschuldigend. „Ja, er entwickelt Software für Spezialanwendungen. Das findest du sicher auch nicht interessanter als Autos.“

Aber Grit schob ihre Hand in seine, während ihr Blick tief in seinen eintauchte. „Oh doch!“ versicherte sie lächelnd. „Das finde ich sogar viel interessanter.“ Sie beugte sich zu ihm hinüber, sodass ihre Lippen beinahe sein Ohr berührten und raunte: „Alles, was mit dir zusammenhängt, interessiert mich nämlich.“

Engel

Engel

Er starrte sie ungläubig an, während sich ein breites Grinsen in sein Gesicht stahl. „Das hast du jetzt nicht wirklich gesagt, oder?“, fragte er. „Seit über drei Jahren träume ich von einem Moment wie diesem und nun passiert sowas tatsächlich?“

Grit kicherte wieder und zwinkerte ihm zu. »Nun ja, es ist bald Weihnachten«, meinte sie. „Und zu dieser Jahreszeit werden manchmal Wünsche wahr.“

Da fasste er sich ein Herz und legte ihr seinen Arm um die Schulter. „Aber nur, wenn man artig war, oder?“

„Genau“, bestätigte sie zufrieden, ihren Kopf an seine Schulter gelehnt. „Deswegen bin ich jetzt ja auch bei dir und nicht bei Thorsten.“

„Weihnachten“, dachte er glücklich, während er in einem Anfall von Übermut seine Lippen in ihre Haare presste. „Hat was. Auch wenn man das als Erwachsener mitunter vergisst.“

Lily Konrad, im Dezember 2016

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