Die Musik

1221Es ist Weihnachtsabend. In der Kathedrale hört man den Chor …

Ein riesiges Schloss. Das Licht brennt nur in einem Zimmer, es ist sehr belebt dort. Im Zimmer sind viele Menschen, die meisten davon Kinder, sie spielen unter dem Weihnachtsbaum. Besonders klar sehe ich ein fünfjähriges Mädchen mit blondem Haar – sie ist meine Nichte. Ich habe so ein Gefühl, das Zimmer kurz verlassen zu wollen. Ich stehe in der Mitte eines langen, dunklen Korridors, der zu einem Balkon führt. Durch den Vorhang tritt in den Korridor blasses Mondlicht. Langsam gehe ich Richtung Balkon, ich bin in einem langen, weißen, elfengleichen Kleid angezogen. Ich trete vor das Fenster und ziehe den Vorhang zur Seite. Oh mein Gott! Das ist ein Wunder! Draußen ist eine helle Nacht, es schneit ruhig. Ich trete auf den Balkon.  Es scheint, als ob die Schneeflocken wie Schlittenglöckchen klingen und ich höre göttliche Musik, nein, ich spüre sie, sie liegt in der Luft. Die Luft ist mit dieser Musik erfüllt. Ich drehe mich mit dem Rücken zum Mond und falle unten auf den sanften, flockigen Schnee. Ich liege auf dem Schnee. Ein heller, voller Sternenhimmel ist über mir, und die Schneeflocken streicheln mein Gesicht. Die Musik durchdringt mich und ich fühle mich wohl …

Musik

Eine riesige Eissporthalle, ein Junge und ein Mädchen sind auf dem Eis. Der Trainer erlaubte ihnen dieses Mal das Programm selbst zu gestalten. Sie laufen ohne Musik – die brauchen sie nicht. Die Musik klingt in ihren Herzen, sie erfüllt ihre Seele. Der Trainer braucht die Musik auch nicht. Sie wird durch die Bewegung der Tänzer wiedergegeben und der Trainer kann sie auch spüren. Während des Laufens scheint es so, als ob das Mädchen ihrem Partner etwas zuflüstert. Ihr Tanz zeigt die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau …

Ich trete in die Kathedrale ein. Ich bin in einem bodenlangen Mantel mit breiten Ärmeln und breiter Kapuze, die auf meine Schultern herabhängt, gekleidet. Ich halte eine Kerze in meiner Hand. Der Chor klingt irgendwo in den Tiefen der Kathedrale. Ich trete vor ein Heiligenbild und fange an zu beten. Es gibt niemanden in der Kathedrale außer den Geistlichen, mir und einem Mann in einem dunklen Mantel, der auf der Bank hinter mir sitzt. Die Dunkelheit verdeckt ihn, aber ich spüre seine Anwesenheit. Plötzlich fängt er an mit mir auf französisch zu reden, so als ob wir uns schon lange kennen. Ich verstehe die Worte nicht, aber ich spüre ihren Sinn. Ich bewege mich nicht, als ob ich gar nichts höre, aber er weiß, dass ich ihm zuhöre und dass ich alles verstehe. Unsere Unterhaltung gefällt uns beiden …

… Sie fangen an schneller zu laufen, die Musik wird spannender. Plötzlich fällt die Eiskunstläuferin hin. Der Trainer springt sofort von seinem Platz auf. Er weiß noch nicht, dass sie es so geplant haben. Der Junge gleitet zu ihr und hebt sie in die Höhe. Der Trainer beruhigt sich – er hat ihre Idee verstanden. Sie liefen wieder leicht und entspannt weiter …

… Ich höre die Musik wieder. Plötzlich fange ich an ihm zu antworten und ich wundere mich selbst – ich habe nie französisch gelernt, aber ich höre mich deutlich und verstehe was ich sage. Er steht auf und tritt langsam hinter mich. Er fasst mich vorsichtig an den Schultern an und zieht mich zu sich hin. Wir stehen still und schauen die Heiligenbilder an. Der Chor hat aufgehört zu singen. Es war Weihachten geworden.

Irina Harlamova, im Dezember 2016

Übersetzung aus dem Russischen – Simon Reinhard-Miltz

 

(c) Foto: Alexandr Reznic.

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