Butterplätzchenaffäre

1218Von der Wohnung nebenan schallte laute Weihnachtsmusik durch die Wand und im Treppenhaus duftete es seit Tagen nach frisch gebackenen Plätzchen. Während ich früher die Geräusche, die aus den benachbarten Wohnungen zu mir hinüberdrangen, als tröstlich empfunden hatte, deprimierten sich mich jetzt.

Er hatte mich verlassen. Eine Woche vor Weihnachten. Einfach so. Hatte in dem Türrahmen gestanden, dort, wo ich jetzt am Boden kauerte und verlegen die Hände ineinander verschränkt. Er sei in einer schwierigen Phase, hatte er gesagt, und bräuchte etwas Abstand und Zeit für sich selbst. Natürlich hätte es nichts mit mir zu tun, sagte er, ich sei eine wunderbare Frau und eigentlich könne er sich glücklich schätzen.

Ja, verdammt, dachte ich bitter, eigentlich könnte er das – genauso wie die anderen Kerle davor, die sich nach kurzer Zeit mit fadenscheinigen Ausreden aus dem Staub gemacht hatten.

Gut, ich hatte keine Modelmaße und kleidete mich eher konservativ. Dafür kicherte ich aber auch nicht am Ende eines jeden Satzes einfältig und war auch nicht ständig auf Diät. Ich hatte eben Substanz – innen wie außen – und zog ein gutes Gespräch am Abend bei einer Flasche Rotwein einer Party in dem neusten Szene-Club ganz klar vor.

Mit Georg schien es anders zu sein. Er war Journalist und hatte eine Reportage über den neuen Labortrakt des Chemiekonzerns geschrieben, in dem ich arbeitete. Es hatte sich langsam zwischen uns entwickelt, aber das hatte mich nicht gestört. An Weihnachten wären wir vier Monate zusammen gewesen und ich hatte alles so schön geplant. Der Baum stand schon auf dem Balkon und ich hatte seine Geschenke bereits liebevoll verpackt in meinem Schlafzimmerschrank liegen. An den Adventswochenenden hatte ich Plätzchen für ihn gebacken und für uns gekocht. Auch für Heiligabend hatte ich mir etwas ganz Besonderes ausgedacht, stellte seit Wochen Rezepte zusammen und verwarf sie wieder. Ich wollte unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest so schön wie möglich gestalten, sollte es doch für uns beide als einzigartig in Erinnerung bleiben.

Einen ersten Riss hatte es in unserer Beziehung gegeben, als ich durch Zufall die liebevoll verzierten Marzipantaler, die ich am 3. Advent für ihn gebacken hatte, in der Mülltonne im Hof fand. Vor Wut zitternd, war ich zurück in meine Wohnung gestürzt und hatte kaum sprechen können. Georg saß ahnungslos auf meinem Sofa und las seine Emails auf dem Laptop, als ich ihm wortlos die Plätzchenstücke in den Schoß warf. Ganz rot war er geworden und hatte mühsam stammelnd zu erklären versucht, dass er eigentlich nur Butterplätzchen aß – nach dem Rezept seiner Oma. Heimlich hatte ich dann seine Mutter angerufen und irritiert festgestellt, dass sie nicht einmal wusste, wer ich war – geschweige denn, dass Georg mit mir Weihnachten feiern wollte. Zögernd hatte sie mir schließlich das Rezept gegeben und ich hatte mich euphorisch ans Werk gemacht. Mit den richtigen Zutaten wird alles gut, sprach ich beim Backen immer wieder wie ein Mantra vor mich hin.

Butterplätzchen

Butterplätzchen

Und hier saß ich nun mit einer großen Dose Butterplätzchen und war allein. Also würde ich auch dieses Jahr das Weihnachtsfest wieder mit meiner besten Freundin Bea verbringen, so wie auch in vielen Jahren davor. Bea war mein Fels, mein Anker und verkörperte all das, was mir fehlte. Sie war immer da, wenn mein Leben in Trümmern lag, holte mich aus meinem unspektakulären Alltag in ihre schillernde Theaterwelt, in der ich es jedoch nur aushielt, wenn ich vor der kreischenden Verzweiflung in meinem Inneren fliehen musste. Wie bei all meinen Beziehungen zuvor hatte sie auch dieses Mal recht behalten. Lass’ die Finger von ihm, der meint es nicht ernst mit dir, hatte sie gesagt. Als Journalist führt er ein unruhiges Leben und alles, was der sucht, ist ein warmes Bett und einen vollen Kühlschrank, hatte sie mir prophezeit. Ja, Bea kannte sich mit Männern aus und sie wurden von ihrem umwerfenden Aussehen und ihrer unwiderstehlichen Ausstrahlung angezogen wie die Motten vom Licht. Nur Georg hatte sie nicht leiden können. Stets hatte er sie als überdreht und oberflächlich bezeichnet und sie gemieden, wo es nur ging. Stattdessen hatte er meine Vorzüge gepriesen und mir erklärt, meine Fürsorge gäbe ihm ein ganz neues Gefühl von Geborgenheit.

Unfähig aufzustehen, krabbelte ich auf allen Vieren zum Wohnzimmertisch und griff nach meinem Smartphone. Vor sechzehn Stunden hatte ich ihm eine Nachricht geschickt und noch immer hatte er nicht geantwortet. Unschlüssig starrte ich auf seine Telefonnummer, drückte sie weg und rief sie erneut auf – bis mein Finger wie von selbst auf den grünen Hörer tippte und seine Nummer gewählt wurde.

Wenn er nach dem fünften Klingeln nicht abnimmt, lege ich wieder auf, schwor ich mir, doch da drang schon seine Stimme in mein Ohr: „Ja? Katrin?“

Mir stockte der Atem und im ersten Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte.

„Katrin? Bist du das?“, wiederholte Georg ungeduldig. „Lass’ doch diese Spielchen, bitte!“

Ich holte tief Luft. „Es tut mir leid, ich hatte nicht damit gerechnet, dass du … Ich wollte einfach nur deine Stimme hören, auf der Mailbox.“

Er räusperte sich nur und sagte nichts. Schnell redete ich weiter. „Was machst du gerade, hast du vielleicht Lust, vorbeizukommen? Ich habe Butterplätzchen gebacken, für dich, und würde sie dir gerne schenken – zur Erinnerung. Naja, und weil sie doch ohnehin für dich waren.“

Georg räusperte sich wieder. „Katrin … Danke, aber vielleicht ist das jetzt nicht so gut. Wir brauchen erstmal ein bisschen Abstand. Ich brauche Abstand und …“

Plötzlich war da ein Geräusch im Hintergrund, das klang wie ein leises Lachen. Mir gefror das Blut in den Adern. „Ist da jemand bei dir? Bist du nicht alleine? Ist das der Grund, warum du Abstand brauchst?“

„Katrin“, setzte er an, doch ich unterbrach ihn. „Du Schwein“, brüllte ich in den Hörer, während es durch die Wand im Wohnzimmer leise „O du fröhliche“ tönte.

Ich zitterte am ganzen Körper und warf das Telefon auf das Sofa. Wie ein gefangener Tiger lief ich in der Wohnung auf und ab, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich rief Bea an, doch die war nicht zu erreichen. Mein Gesicht war feuerrot und mein Atem ging keuchend. Er hatte mich belogen, er betrog mich, vermutlich schon viel länger, als ich dachte. Blinder Hass tobte in mir und ich stolperte im Flur neben der Garderobe über eine Schachtel, die unter meinem langen Mantel hervorlugte. Ich kniete auf dem Boden und umfasste die Schachtel sacht. Darin befanden sich ebenfalls Butterplätzchen nach dem Rezept von Georgs Oma, allerdings ergänzt um eine ganz besondere Zutat. Nicht umsonst arbeitete ich in einem Chemielabor und in dem wilden Schmerz der ersten Tage nach der Trennung hatte ich diese hier gebacken. Wenn ich ihn nicht haben konnte, dann sollte ihn auch keine andere bekommen, hatte ich in meiner brennenden Wut gedacht und den Teig mit einer guten Dosis Parathion in Reinsubstanz versehen, besser bekannt als E605 – völlig geruchs- und geschmacksneutral. Als ich wieder ruhiger wurde, hatte ich die Schachtel zur Seite gestellt und mir selbst versichert, dass es keine andere Frau in seinem Leben gab und er wirklich nur zu sich selbst finden müsse.

Doch die dumme, alte Katrin hatte sich schon wieder geirrt. Aber jetzt würde ich es ihm zeigen und dann werden wir ja sehen, wer hier über wen lacht, dachte ich. Grimmig riss ich meinen Mantel von der Garderobe, schlüpfte in meine Stiefel und zog mir eine Mütze tief in die Stirn. Mit der Schachtel unter dem Arm machte ich mich auf den Weg.

Nach einer halben Stunde Fußmarsch durch die eisige Kälte erreichte ich Georgs Haus. Es brannte kein Licht mehr und so stellte ich die Schachtel mit den Plätzchen einfach unter das Vordach, direkt vor die Haustür. Er würde sie finden, dachte ich. Und er würde sie essen, schon alleine wegen seines schlechten Gewissens, da war ich ganz sicher. Ich blieb noch einen Augenblick lang stehen, betrachtete gedankenverloren die kleine Schachtel mit den Tannenzweigen und den bunten Kugeln, die ich mit einer großen, roten Schleife zugebunden hatte, dann drehte ich mich um und ging davon. Wenn ich das Bea erzähle, dachte ich. Würde ich das Bea überhaupt erzählen oder hätte ich zum ersten Mal ein Geheimnis vor ihr?

Zwei lange Tage geschah nichts. Gar nichts. Ich traute mich nicht, mich irgendwo nach Georg zu erkundigen, obwohl ich die Nummer seiner Redaktion hatte, aber Bea, mit Bea musste ich jetzt dringend sprechen – doch auch sie konnte ich nirgends erreichen. Von einer seltsamen Unruhe gepackt, ging ich zu ihrer Wohnung und klingelte Sturm – aber niemand öffnete. Ich löste den festgeklebten Ersatzschlüssel zu Beas Wohnung von der Innenseite des Briefkastens und ging nach oben. Kein Geräusch war aus der Wohnung zu hören und langsam steckte ich den Schlüssel ins Schloss. Mit einem Klack öffnete sich die Tür und ich drückte mit angehaltenem Atem dagegen – doch sie ließ sich nicht richtig öffnen. Ich rief laut Beas Namen und stemmte mich mit meinem ganzen Gewicht gegen die Tür, bis ich endlich durch einen Spalt in den halbdunklen Flur schlüpfen konnte – und dort hörte sich mit einem Mal meine Welt auf zu drehen.

Im Flur auf dem Boden lag Bea zusammengekrümmt auf der Seite. Ihr Gesicht war verzerrt, die Augen weit aufgerissen und starr. Ich fiel auf die Knie und schüttelte sie, versuchte vergeblich, ihren Puls zu ertasten. In wilder Verzweiflung sah ich mich um und mein Blick fiel auf eine Schachtel mit Tannenzweigen und bunten Kugeln, um die herum etliche Butterplätzchen verstreut auf dem Boden lagen. Als nächstes registrierte ich die große, rote Schleife, um die sich Beas Faust geschlossen hatte und als langsam das Begreifen einsetzte, löste sich ein langgezogener Schrei aus meiner Kehle, der wie ein Klagelaut die weihnachtlich geschmückte Wohnung durchzog. Zitternd setzte ich mich auf und sank kraftlos gegen die Küchentür, die sacht nach hinten aufschwang. Ohne Halt kippte ich zurück und mein Kopf schlug hart auf dem gefliesten Küchenboden auf – nur wenige Zentimeter neben Georg, dessen anklagender Blick sich kalt und starr in mein Gedächtnis brannte und mich für den Rest meines Lebens verfolgen würde …

Susanne Reichert, im Dezember 2016

 

(c) Foto: Sabine Reichert

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