Flüsternde Bäume …

1215… umgaben mich, als ich Ende März diesen Jahres für eine Woche im Wald umherstrich und sie erzählten mir eine Geschichte, die ich nicht vergessen werde:

Es war ein ziemlich kalter Tag an diesem Märzende, es regnete und der Waldboden strömte eine kühle Feuchtigkeit aus. Das braune Laub glänzte vor Nässe. Mich störte das alles nicht, ich war schon seit einigen Tagen unterwegs und das Wetter war die ganze Zeit so durchwachsen. Ich hatte mich daran gewöhnt.

An diesem Tag suchte ich mir zwischen all diesen Bäumen, diesem inzwischen schon altvertrauten Anblick, ein Plätzchen, um ein bisschen zu verweilen und meine Gedanken schweifen zu lassen.

Unter dem Dach einer großen Buche, die natürlich um diese Zeit noch keine Blätter trug, machte ich es mir dann bequem und ließ meinen Blick durch den lichten Wald streifen. Gerade gewachsene, wuchtige Stämme umgaben mich. Ich betrachtete sie eine ganze Weile und ihre stoische und unverrückbare Ruhe, lud mich tatsächlich dazu ein, ein wenig die Augen zu schließen. So rutschte ich noch ein bisschen weiter an dem Stamm hinab, so dass ich am Fuß der großen Buche lag, direkt auf dem kühlen nassen Laub. Mir war immer noch nicht kalt und ich schloss, ein wenig müde geworden, die Augen.
Eine kleine Weile horchte ich noch auf die Vögel, atmete tief die kühle frische Luft und dann …

… fühlte ich, wie tief, ganz tief unter mir, etwas leise in Bewegung geriet.

Es war wie ein sanftes Schaukeln, das mich trug und in meinen Gedanken begann ein Bild zu erscheinen, ein Bild von vielen mächtigen knorrigen Wurzeln, verschlungen mit tausenden kleinerer Wurzeln, alles dicht gewebt wie ein dicker Teppich im satten Erdreich unter mir.

Bäume

Bäume

Alle Bäume, die um mich herum standen, schienen unterirdisch miteinander verschlungen zu sein, sie berührten sich, sie umarmten sich und sie gaben einander festen Halt. Wie die Tentakeln eines einzigen riesigen Lebewesens, gruben sich diese abertausenden Wurzeln und unterirdischen Triebe in die unendliche Tiefe unsere Erde, zärtlich miteinander umschlungen und mit jeder Berührung fühlend, wie es jedem einzelnen von ihnen erging.

Ich lag dort in der Kühle des Waldes und staunte über dieses Wunder, dass doch eigentlich so offensichtlich ist und sich mir erst jetzt, als ich das leichte Beben unter mir wahr nahm, offenbarte. Mit geschlossenen Augen überkam mich ein herrliches Gefühl von “getragen werden”, das diese ältesten Bewohner unserer Erde verströmten und langsam dämmerte ich trotz der Kälte, die mir nichts auszumachen schien, ein.

Nach einer kleinen Weile, deren Zeit einfach durch mich hindurchfloss, begann sich ein Wispern um mich herum zu erheben, ein sanftes Flüstern, ganz fern, wie aus einer anderen Zeit und ich vernahm leise folgende Worte:
“Wir sind für euch da, spenden euch das Leben. Wir geben uns euch hin, auch wenn ihr uns nicht fragt. Wenn ihr einen von uns brecht, umarmen wir einander umso fester und wenn ihr einen von uns fällt, teilen wir den Schmerz. Wenn ihr nicht so viel von uns nehmt, können wir es ertragen und wenn ihr uns achtet, geben wir euch gerne.
Aber eure Gier nach Profit, lässt unseren immensen Schmerz nicht mehr erlöschen und eure Achtlosigkeit nimmt uns die Würde. Doch in all unserem Leid wissen wir um ein Geheimnis:
Wir werden immer wieder geboren, so ist der Kreislauf des Lebens. Und auch wenn ihr uns zu zerstören sucht, so werden wir doch alle Zeiten dieser Welt überdauern.
Selbst wenn ihr den letzten von uns fällt, kehren wir zurück.
Denn wir sind die Hüter der Erde.”

Langsam wachte ich wieder auf.

Und konnte das dichte bebende Geflecht aus Wurzeln, Trieben und Verästelungen unter mir fast körperlich spüren, obwohl ich immer noch auf einer dicken Schicht aus nassem Laub und feuchter Erde lag. Ich öffnete die Augen und sah mich um. Meine Umgebung sah aus wie zuvor, ich hatte nicht lange geschlafen und es war immer noch taghell. Dennoch schien irgendetwas anders zu sein. Mir war, als seien die mächtigen Baumstämme um mich herum, ein wenig näher an mich herangerückt. Nicht bedrohlich, sondern eher drängend, auffordernd.

Sie hatten mich etwas sehen lassen. Und ich meinte sogar noch das Flüstern zu hören.

Das Flüstern der Bäume.

Sabine Marthiensen, im Dezember 2016

 

(c) Foto: pixabay.com

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s