Bete … wenn die Gelegenheit sich bietet!

1214Der böige Wind pfiff um die sturmgepeitschte Dorfkirche in den österreichischen Alpen und die Besucher zuckten vereinzelt zusammen, wenn ein Fenster rappelte und knackende Geräusche in den ruhigen Momenten zu hören waren.
„Muss ich mir diesen Scheiß wirklich antun“?“, raunte Rudolf seiner neben ihm sitzenden Frau zu. Edeltrud warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Es ist Weihnachten. Reiß dich einmal zusammen, Rudolf … bitte!“
Aber so schnell gab er sich nicht geschlagen. „Wir könnten gemütlich im Skihotel vor dem Kamin sitzen und etwas Heißes trinken. So eine Schnappsidee, bei diesem Wetter in die Kirche zu gehen. Du weißt, was ich von diesem Kasperleskram halte.“
Er war etwas lauter geworden als beabsichtigt, und sowohl der Rippenstoß von Edeltruds Ellbogen als auch das Zischen einiger in der Nähe sitzender Kirchenbesucher erinnerten ihn daran, dass er sich an einem Ort befand, an dem man nicht laut werden durfte.
Wie er diesen scheinheiligen Kram hasste. Nur Edeltrud zuliebe ging er einmal im Jahr, an Weihnachten, mit ihr in die Kirche. Und das, obwohl er den Glauben verachtete. Es gab keinen Gott und wenn es einen gäbe, würde er sich sicherlich nicht von diesem weinerlichen Gesinge und dem Gebettele um seine Gnade beeindrucken lassen.
Der Geistliche las gerade aus dem Johannes-Evangelium: „Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.“
„Pah, Mumpitz … wer’s glaubt“, entfuhr es ihm unwillkürlich … und er erntete ein erneutes Zischen von Edeltrud und einen bitterbösen Blick.
Na warte, dachte er bei sich und blieb beim nächsten Gebet, als alle gläubigen Katholiken sich erhoben, demonstrativ sitzen. Genauso verweigerte er den Gang zur Kommunion und die damit verbundene Annahme der Hostie, obwohl Edeltrud ihn mit einem bittenden Ausdruck in den Augen versuchte, am Ärmel mit sich zu ziehen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah absichtlich in eine andere Richtung.
Endlich, dachte er, als der Geistliche seinen abschließenden Segen sprach und allen eine schöne Weihnachtszeit wünschte. Dann kündigte der Pfarrer an, dass er sich am Ausgang der Kirche gerne von jedem persönlich verabschieden würde.
„Ohne mich, dass ist dir doch klar, oder?“, raunte er Edeltrud zu.
Wieder sah sie ihn flehend an. „Bitte, Rudolf, mir zuliebe. Es ist Weihnachten. Spring doch ein einziges Mal über deinen Schatten.“
„Niemals. Ich unterstütze diesen Mummenschanz doch nicht noch und spiele diesem Pfaffen vor, dass ich den Mist glaube, den er den Leuten erzählt.“
Edeltrud schien einzusehen, dass sie keine Chance hatte, ihren ungläubigen Ehemann dazu zu bewegen, ihr zuliebe wenigstens den Schein zu wahren. Sie seufzte und ging langsam in Richtung Ausgang, während Rudolf sich an den Rand der nach draußen drängenden Leute begab. Kurz hinter der Kirchentür drückte er sich unauffällig hinter dem Pfarrer vorbei und eilte die Stufen hinunter nach draußen. Dort stellte er sich etwas abseits der Kirche in den immer noch tobenden Schneesturm, damit er aus dem Blickfeld des Geistlichen und der die Kirche verlassenden Leute auf seine Frau warten konnte. Er hoffte, dass sie sich beeilen würde, denn der Wind nahm an Stärke zu und er freute sich darauf, endlich wieder ins warme 5-Sterne-Hotel zurückkehren zu können.

© Dieter Aurass 2016

© Dieter Aurass 2016

Der Steinquader war schon seit längerer Zeit locker gewesen. Der böige Wind hatte dazu beigetragen, den leicht bröckeligen Mörtel noch weiter zu belasten, indem er den Stein bei jeder Windbö bewegte und beim Nachlassen wieder in die alte Position zurückfallen ließ.
Es war kein gewaltiger Steinblock, lediglich einen halben Meter hoch und 20 mal 20 Zentimeter im Querschnitt. Er hatte auch keine tragende Rolle im Kirchturm, und der steinerne Engel, der noch vor zwei Jahren auf ihm gestanden hatte, war bei einem kräftigen Sturm heruntergefallen. Als nun am Ende der Messe die Glocke der Kirche erneut zu läuten begann, gaben die zusätzlichen Vibrationen den Ausschlag. Mit einem knirschenden Geräusch fiel er nach einer besonders starken Windbö zurück an seinen Platz … und noch etwas weiter. Wie in Zeitlupe kippte er nach vorne und über den Rand hinaus. Lautlos und sich überschlagend stürzte er in die Tiefe.

Der Stein hatte keinen Auftrag, kein Ziel, kein Bewusstsein und demzufolge auch kein Mitleid.
Als er den Kopf des einsam am Rande der Kirche stehenden Mannes traf, tat es dem Stein nicht weh und er empfand auch keine Befriedigung darin, das Leben eines Ungläubigen in Sekundenbruchteilen beendet zu haben.
Und warum sollte ein seelenloser Stein Bedauern empfinden, wenn er das Leben eines seelenlosen Menschen beendete. Er war eben nur ein Stein.

von Dieter Aurass

 

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