Perfekte Nachhilfe

1213Das Jahr neigte sich dem Ende zu, und sie wusste immer noch nicht welchem. Die Wochen vor dem Abitur hatte sie sich täglich auf ihn gefreut, auf seine lachenden Augen, seine braunen Locken, sein glucksendes Auflachen, seinen schlaksigen Gang, seine beiläufigen Trommelwirbel auf jeder in Reichweite befindlichen Mülltonne. Besonders die mit der Aufschrift Altpapier hatte es ihm angetan, „Die hat einen besonderen Klang. Hörst Du?“ und er strahlte sie an. Und dann saßen sie Nachmittag für Nachmittag in der Eisdiele auf der Leipziger über Physik und Französisch. Er machte ihr Unverständliches verständlich, rief ihr Vergessenes in Erinnerung und brachte sie durch skurrile Eselsbrücken zum Lachen. Er gab ihr Übungsaufgaben und überreichte sie ihr am nächsten Tag mit Rotstift korrigiert: R für Rechtschreibung, G für Grammatik, F für Formulierung oder A für Ausdruck. Und sie bestand auf ein abschließendes Fazit: B für Bestanden oder D für Durchgefallen? Und beide freuten sich, als die B´s immer mehr und die D´s immer weniger wurden. Als Bezahlung für die perfekte Nachhilfe hatte sie ihr Sparschwein geköpft und bezahlte Cola und Spaghettieis.

Als beide schließlich zusammen mit einer Schar frischgebackener Abiturienten aus der Schule stürmten schnappte er sie, wuschelte über ihre aschblonden Haare und drückte ihr einen Kuss mitten auf den Mund. Schlagartig rauschte es in ihren Ohren, ihre Knie wurden zu gummiartigen Gebilden und sie fürchtete, ohnmächtig zu werden. Und die nächste Papiertonne erlebte unter seinen wild wogenden Locken ein gigantisches Percussionkonzert, bis Passanten teils schmunzelnd teils kopfschüttelnd stehenblieben. Und sie bekam einen Lachanfall, wie sie ihn seit ewigen Zeiten nicht mehr gehabt hatte. Sie feierten mit dem größten Rieseneisbecher, der auf der Karte stand und sie steckte ihm die beiden Papier-Schirmchen zwischen seine Locken. Sie organisierte Nachschub und schmückte ihn weiter, bis er aussah wie ein Maibaum. Und sie fotografierte ihn und schicke das Foto all ihren Freundinnen, damit sie sich mit ihr freuen konnten.

Irgendwann im Sommer waren sie wie so oft mit ihrer Clique am Baggersee und wie nebenbei eröffnete er ihr, dass es mit seinem Studienplatz in Freiburg geklappt hatte. „Hey geil!“ klatschten die anderen ihn der Reihe nach ab. Und keiner merkte, wie sie sich mit zitternden Lippen abwandte, ihre Badesachen in die Satteltasche stopfte und zu ihrem Rad ging.

Nun war es Adventszeit und in gelegentlichen SMSs hatte er geschildert, was Freiburg alles zu bieten hatte: das Wohnen in der WG im Dreisamtal, die Ausflüge ins nahe Elsass, den Blick vom Schlossberg auf die Stadt, die Weinlokale in der Altstadt … Und Weihnachten stand bevor, mit Lebkuchen und Klingglöckchenklingeling und der stereotyp heiligen Stimmung ihrer Eltern, deren einzige Botschaft in tausend glückseligen Varianten hieß: „Das Leben ist schön“.

Dabei war gar nichts schön! Sie wusste ja noch nicht mal, ob er Weihnachten nach Frankfurt käme. Und Silvester? Wird er das auf dem Schlossberg über Freiburg feiern? Und seine Locken über irgendeine badische Tussi hängen? Sie verkroch sich in ihr Zimmer, hörte den „Lovesong“ von Adele rauf und runter und heulte Berge von Taschentüchern voll. Ihre Mutter hatte die üblichen Sprüche drauf von Liebeskummer, der vergeht und ihre Freundinnen meinten, sie solle ihn vergessen. Er sei es nicht wert. Toll, jetzt musste sie nicht nur dauernd an ihn denken, sondern konnte noch nicht mal mit jemandem drüber reden.

Wochenlang schlief sie mit dem Gedanken an ihn ein und wachte mit dem Gedanken an ihn auf. Auf einem von Tränen durchweichten Kopfkissen und ihre Vorlesungen schwänzte sie auch immer öfter. Den Weg an der Eisdiele vorbei mied sie, wo immer es ging. Lief lieber Umwege, um nicht immer wieder das Bild von ihnen beiden dort, lachend, lernend und eisessend, herauf zu beschwören.

So konnte es nicht weitergehen! Am 3. Advent schließlich rief sie ihre Eltern an, um dem nachmittäglichen Kerzenscheinchriststollenweihnachtsmusikgesülze mit einem „Ich habe Kopfweh“ aus dem Weg zu gehen und ging mutig in die Eisdiele, an den gewohnten Tisch. Sie bestellte einen heißen Apfelwein, klappte ihr Laptop auf und begann zu schreiben. Sie hatte an einen Brief gedacht: Wie geht es Dir und nochmal danke für die Nachhilfe und schöne Weihnachten und blalalala. Aber als hätten ihre Finger ein Eigenleben begann sie mit einer Geschichte:

Von einem Jungen mit braunen Locken, der einem Mädchen mit aschblonden Haaren die perfekte Nachhilfe gab. Wie diese erst fürchtete durchzufallen und dann mit seiner Hilfe ihr Abitur bestanden hatte und wie sie gefeiert hatten mit einem Eisbecher so groß wie ein Baum, um den sie tanzten mit tausend Eisschirmchen im Haar. Sie schrieb von ausgelassenen Küssen, vom Wasserfall in den Ohren, von Gummiknieen und Schmetterlingen im Bauch. Und dass das Mädchen so viel mehr von ihm wollte, eigentlich alles, und das am liebsten am anderen Ende der Welt, mit mindestens 5 Kindern. Dass er zunächst die Stadt verlassen hatte, er es aber vor Sehnsucht nicht aushielt. Und dass er eines Tages mit flehendem Blick vor ihrer Tür stand. Und sie ab da gemeinsam durch dick und dünn … Und wenn sie nicht gestorben sind …

Ohne auch nur einmal abzusetzen hatte sie geschrieben. Natürlich war das Ende kitschig, aber es war ja auch nur eine Geschichte und sie hatte das Deutsch-Abitur glücklicherweise hinter sich. Sie hatte nie behauptet, gut schreiben zu können, so dass sie das ruhig so lassen konnte. So war es authentisch, und das konnte nie falsch sein. Die Botschaft würde schon ankommen und ihm sicher den nötigen Schups in ihre offenen Arme versetzen. Vielleicht war das die Art von Nachhilfe, die sie ihm als Gegenleistung für seine bieten konnte. Draußen wurde es dunkel und Schneeregen klatschte an die Scheibe, aber in ihr war plötzlich alles hell und klar wie lange nicht mehr. Und sie ging nach Hause, druckte die Geschichte aus, schrieb mit ihrer schönsten Schrift seine Freiburger Adresse auf den Umschlag, verzierte das Ganze noch mit einem Sternchen in der linken oberen Ecke und lief um die Ecke zum Briefkasten. Auf dem Heimweg trommelte sie ausgelassen auf die Papiertonne in der Hofeinfahrt. Was auch immer jetzt passierte würde gut sein. Und die Nacht drauf schlief sie das erste mal wieder durch.

Am Tag vor Heiligabend kam die lang erwartete SMS: „Wollen wir uns treffen? In unserer Eisdiele? Heute um 4?“. Mit Herzklopfen betrat sie die Eisdiele und sah ihn in ihrer vertrauten Ecke sitzen.  Er kam auf sie zu, um sie mit einer flüchtigen Umarmung zu begrüßen und während sie ihre tropfnasse Jacke über die Lehne hängte und ihre Mütze mit einem wilden Schütteln ihrer Mähne neben sich legte, schienen ihr seine Locken dünner und seine Augen blasser geworden.

Nach einigen verlegenen Begrüßungsworten zog er ihre Geschichte aus seinem Rucksack und strahlte sie an wie in alten Zeiten. Und am rechten Rand sah sie den Rotstift: G für Grammatik, A für Ausdruck, F für Formulierung, fehlte nur das B für Bestanden oder D für Durchgefallen. Ihr Blick verschwamm und die Hitze breitete sich von der Magengrube ausgehend in ihrem Körper aus, bis zur Fußsohle und bis zu den Ohren. Sie hatte sich vorher so schöne Liebeserklärungen zurechtgelegt! In schlafwandlerischem Tempo nahm sie ihm die Bögen aus der Hand, stand auf, griff nach ihren Klamotten und verließ in Zeitlupe den Raum, ohne nochmal zurückzublicken.

Snow covered brown trash bin lid in winter. Bin has air vent at side.

Es war nicht sie, nicht ihre bewusste Entscheidung, vielmehr war es ihr Innerstes, das die Führung übernommen hatte und sie um die Ecke die Altpapiertonne mit dem besonderen Klang öffnen ließ. Sie sah ihrer in Tausend Schnipsel gerissenen Geschichte mit feierlicher Miene hinterher und konzentrierte sich auf den Klang des fallenden Deckels. Abschließend ließ sie ihre flache Hand auf den Deckel fallen und noch einen genüsslichen langatmigen Seufzer lang darauf liegen. Ihre Brust weitete sich und lang vermisste Kraft und Lebensfreude durchströmten sie. Als sie sich mit einem Lächeln auf den Lippen auf den Heimweg machen wollte, stand er wie aus dem Nichts kommend neben ihr. Und seine Augen hinter den Locken, die ihm tropfnass im Gesicht klebten, fragten: „Was ist denn los?“ Und mit fester Stimme hörte sie sich sagen: „Durchgefallen“.

Viva Fialka, im Dezember 2016

 

Foto: fotolia 99638111 / Lizenz Viva Fialka vom 17.10.2016

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s