Mariechens Weihnacht

1212In dieser Welt geschehen wirklich noch kleine Wunder und es gibt Geschichten, die von diesen wunderbaren Begebenheiten erzählen. Geschichten, die wie Märchen klingen.

Wenn du von ihnen hörst, kannst du sie glauben oder sie verwerfen. Das liegt in deinem Ermessen. Doch wenn du sie glaubst, könnten sie dir ein kleines bisschen von deinem Seelenfrieden zurückgeben, der in dieser lauten Welt manchmal ein Stückchen verloren geht.

Und dies ist eine von diesen wunderbaren Geschichten, die ich dir erzählen möchte.

Vor gar nicht allzu langer Zeit begab es sich, dass etwas ganz Ungeheuerliches in dem großen Wald, der sich weitläufig um die hohen Berge im Süden des Landes herumzog, geschah.  Es war der Tag vor Heiligabend und der alte Uhu, der schon seit Urzeiten in diesem riesigen Wald lebte, hatte eindringlich zu einer sehr außergewöhnlichen Versammlung gerufen. Alle Tiere, die dort lebten, sollten erscheinen und das war wirklich sehr seltsam und ungewöhnlich, denn das bedeutete ja, dass sich nicht nur Freund, sondern auch Feind, auf engstem Raum würden begegnen müssen.

Außerdem hatten sich zu dieser Jahreszeit schon etliche der Tiere zur Ruhe begeben oder sie verkrochen sich einfach in ihrem Bau, um der kalten Witterung zu entgehen.

Seit Verkündigung dieser Versammlung wurde viel diskutiert und gemutmaßt, was denn den alten Uhu bewegen konnte, etwas so ungeheuerliches zu verlangen und die Tiere des Waldes waren verunsichert und aufgeregt. Es musste einen sehr schwerwiegenden Grund für diese Versammlung geben und die Gerüchte kochten bald schon über.  Da war von Abholzung und Umsiedlung die Rede und von noch schrecklicheren  Katastrophen bis hin zum Untergang der ganzen Welt. Und so wollte auch niemand dieser Versammlung fernbleiben, musste man auch seinem Feind ins Auge blicken. Der listige Rotfuchs war so einer oder gar der Luchs und die Raubvögel, die sich immer mal über die kleineren Bewohner des Waldes hermachten und so war diese Versammlung für alle Beteiligten eine schrecklich aufregende Angelegenheit.

An diesem Morgen, als es gerade dämmerte, war es also soweit. Alle Tiere des großen Waldes, sprangen, hoppelten, flogen und huschten zum großen Versammlungsplatz unter der riesigen alten Eiche, die gerade richtig für dieses Ereignis schien. Der alte ehrwürdige Uhu thronte auf einem der großen knorrigen Äste und überschaute hoheitsvoll die Schar der Waldbewohner, die inzwischen eingetroffen war. Als alle Tiere ihren Platz gefunden hatten, wobei der eine oder andere doch noch schnell seine Position wechselte, weil ihm eine Kralle oder ein Maul zu nahe kamen, plusterte er sich kurz und kräftig auf und bat dann mit kraftvoller Stimme um Ruhe.

„Liebe Mitbewohner des Waldes“, ertönte es ernst von dem hohen dunklen Ast. „Ich bedanke mich, dass ihr so zahlreich meinem Aufruf gefolgt seid und ich bin hoch erfreut, dass ihr eure Querelen eingedenk der Wichtigkeit dieses Zusammentreffens für eine Weile beiseitegeschoben habt.“

Ein Raunen ging durch die Menge, denn noch wussten die Versammelten ja nicht, worum es denn nun eigentlich ging und ob sie recht daran getan hatten, sich hier allseits die Blöße zu geben. „Ich habe euch eine schreckliche Mitteilung zu machen und brauche in dieser höchst wichtigen Angelegenheit eure Hilfe.“ Ein noch größeres Raunen machte sich nun unter den Anwesenden breit, denn dass der alte ehrwürdige Uhu jemals um Hilfe gebeten hätte, daran konnte sich niemand auch nur im entferntesten erinnern.  „Ich will nicht lange um den heißen Brei herum reden, liebe Mitbewohner, dazu ist keine Zeit und es ist auch gar nicht nötig. Wenn ihr erfahrt, warum ich euch um dieses Treffen gebeten habe, werdet ihr sofort verstehen, wie dringend und unabdingbar es ist, in einer für uns alle betreffenden Angelegenheit, eine gemeinsame Lösung zu finden“.  Jetzt starrten alle Augen wie gebannt auf den alten Uhu und erwarteten mit Schaudern die schreckliche Neuigkeit, die es so ungemein erforderlich gemacht hatte, alle Bedenken über Bord zu werfen und sich praktisch in die Höhle des Löwen zu begeben.

Eule

Uhu

Der Uhu, hoch oben auf seinem Ast, streckte sich und breitete theatralisch die großen Flügel in seiner ganzen Spannweite aus, bevor er mit tiefer Grabesstimme dröhnte:
„Wenn uns keine Lösung einfällt, liebe Anwesenden, wird unser Mariechen ganz bald an einem  gebrochenem Herzen sterben!“.
Sofort erhob sich ein lautes furchtbares Knurren, Grunzen und Fiepen unter den Tieren. Sie starrten einander entsetzt an, egal ob Freund oder Feind, einige fielen sich sogar weinend in die Arme und andere wiederum verharrten bewegungsunfähig auf der Stelle ob dieser schrecklichen Nachricht.

Hütte

Hütte

Nur Madame Eichhörnchen strich sich immer wieder nervös durch das kleine Gesicht, hockte es doch direkt neben dem großen furchteinflößenden Luchs mit seinem scharfen Gebiss und diesen furchtbaren Krallen und dann fragte es mit zitterndem Stimmchen:
„Aber wie kommt das denn, dass unser Mariechen an einem gebrochenem Herzen zu sterben droht?“
Der große Uhu schaute ehrfurchtsgebietend in die Runde und bat allseits um Ruhe. Das war nicht weiter schwierig, denn alle Tiere wollten nun erfahren, was denn vorgefallen war, dass ihre allerliebste Mitbewohnerin, ihrer aller Freundin und Beschützerin in so schrecklicher Gefahr war.
„Ich werde es euch erklären, meine Liebe. Wie ihr wisst, entgeht mir so schnell nichts und schon eine geraume Zeit beobachtete ich unser Mariechen, denn sie schien mir unendlich traurig und alle Lust am Leben verloren zu haben. Tagelang bekam ich sie gar nicht zu Gesicht und wenn, dann hockte sie sie nur teilnahmslos vor ihrer Hütte. Ich vermutete zunächst, dass sie krank wäre, aber irgendwie schien mir das nicht der Grund für ihre seltsame Veränderung zu sein. Sie sprach auch nicht zu mir, wie sie es ja sonst immer mit uns allen tat, denn dann hätte ich vielleicht eher verstanden, was passiert war. Aber kein Laut kam über ihre Lippen. Ich konnte beobachten, dass sie nicht mehr aß und auch nicht mehr trank und mit jedem Tag fiel sie mehr in sich zusammen. Natürlich ist Mariechen schon alt und das eine oder andere Gebrechen hat sie im Laufe der Jahre heimgesucht. Aber das was ich da vor mir sah, bereitete mir zunehmend Sorge und so beobachtete ich sie sogar des Abends und des Nachts durch ihr Fenster.  Und ich sah, dass sie wieder und wieder in einem Brief las, der vom vielen Lesen und ihren Tränen, die darauf fielen, schon völlig zerfleddert war.
Wie ihr alle wisst, bin ich des Lesens mächtig und so beschloss ich, in einem günstigen Moment, in ihre Hütte zu fliegen und besagten Brief zu lesen. Diese Gelegenheit ergab sich alsbald tatsächlich und so begab  ich mich schnell hinein und las diesen Brief, der unserem Mariechen so unglaublichen Kummer zu bereiten schien. Nun ja, liebe Anwesenden, ihr wisst ja selbst, dass unser Mariechen schon sehr lange alleine ist, dass ihr einziger Sohn mitsamt seiner Familie im Ausland lebte und sie leider auch nie besucht hat. Sie sagten immer, sie hätte ja ihren Wald und uns, ihre Tiere, da wäre sie beschäftigt und auch nicht so allein.“

Alle Anwesenden nickten. Ja, so war das. Mariechen war schon immer da. Im Wald, bei ihnen. Sie kannte jeden einzelnen von ihnen, sie wusste genau, wer in welchem Rudel oder Rotte lebte, wer lieber alleine unterwegs war und sie kannte alle Plätze, an denen sie jagten, schliefen oder ihre Vorräte hatten. Jedes Nest, jeder Bau und jede Höhle war ihr bekannt und sie wusste immer, wann und wo sie einen von ihnen antreffen würde. Viele, viele Generationen von Eichhörnchen, Hasen, Rehen und allen anderen Waldbewohnern hindurch, war Mariechen schon da und alle kannten sie von klein auf. Jedem Muttertier, ob Fuchs, Milan oder Dachs, ob Reh, Igel oder Waschbär, war es eine Ehre, ihr Junges wenigstens einmal zu Mariechens Hütte zu bringen und voller Stolz den Nachwuchs vorzustellen.  Wenn eines von ihnen krank war oder wenn einer von den Alten Hilfe brauchte, er konnte sicher sein, dass Mariechen sich um ihn kümmern und ihn gesundpflegen würde. Und nicht nur das, Mariechen kannte auch alle Bäume, setzte sich vehement für sie ein und stellte sich jeder Abholzung tapfer in den Weg. Einmal hatte sie sogar ganz alleine den Bau einer kompletten Straße durch ihren heißgeliebten Wald erfolgreich verhindert und war so zu einer Ikone eines jeden Waldbewohners geworden.

Und nun sollte ihr Mariechen an einem gebrochenen Herzen sterben? Wie konnte das sein? Wie war denn das nur möglich? Die versammelten Tiere waren außer sich und konnten sich nur schwer beruhigen. Eine tiefe Stimme aus dem Hintergrund gemahnte sie dann aber endlich zur Ruhe. Der alte Eber, ein eigenbrötlerischer, immer schweigsamer Mitbewohner des Waldes, den niemand so recht leiden konnte, meldete sich und brummte, dass er nun endlich das Ende dieser Tragödie hören wolle. Alle nickten und wurden wieder mucksmäuschenstill.

Der alte Uhu konnte endlich fortfahren: „Ihr wisst, wie aufgeregt Mariechen in den letzten Wochen war. Ihr Sohn war wieder da und mit ihm ihre Enkelkinder, die nun schon erwachsen waren und die sie all die vielen Jahre nicht mehr gesehen hatte.  Sie waren alle zusammen aus dem Ausland zurückgekehrt und wieder ganz in der Nähe in die große Stadt in ihr altes Haus gezogen und Weihnachten wollten sie nun endlich unser Mariechen besuchen kommen. Und nun las ich in diesem Brief, dass sie doch keine Zeit hätten, dass ihre Termine ihnen die Zeit wegfraßen und dass Mariechen sicherlich Verständnis dafür hätte. Man lebe ja in einer verrückten Zeit und sie würden es ja auch bedauern, aber ein anderes Mal bestimmt und überhaupt … man hätte sich ja ohnehin schon auseinander gelebt und soo wichtig wäre Weihnachten dann ja auch nicht.“

Hier endete der Bericht des ehrwürdigen Uhus und bedrückt schaute er in die Runde. Die Tiere konnten es nicht fassen. Die eigene Familie hatte keine Zeit für einen Besuch, für ein so langersehntes Wiedersehen? Das war doch nicht möglich. Sie wussten, wie sehr Mariechen sich nach ihrem Sohn sehnte und wie sehr sie sich freute, ihn und seine liebe Frau und endlich auch die Enkelkinder wieder in die Arme schließen zu können. Sie hatte es ihnen allen in langen einsamen Stunden erzählt.

Aber was sollten sie jetzt tun? Was konnten sie, die Tiere, dagegen ausrichten? Nun war aber wirklich guter Rat teuer. Alles redete durcheinander und dabei stand allen die Sorge um Mariechen ins Gesicht geschrieben. Vergessen war, dass der Luchs neben dem Eichhörnchen lag und der Fuchs neben dem Feldhasen. Allen war bewusst, dass auch Mariechen dereinst einmal sterben würde, das war der Lauf der Dinge, der Kreis des Lebens, so unendlich wie das Universum – aber sterben aus Kummer? Sterben, weil man so furchtbar unglücklich ist, dass das Herz ganz einfach bricht? Ihr Mariechen, dass immer für sie da war, ihnen half, sie beschützte und ihnen ihr Zuhause erhielt? Nein, das konnten sie nicht zulassen. Aber wie?

Da meldete sich wieder die raue brummige Stimme aus dem Hintergrund:
„Ich werde die Familie holen.“ Alle drehten erstaunt ihre Köpfe zu dem Sprecher um. Das Wildschwein, das da wie ein ungehobelter Klotz, versuhlt und schmutzig, am Baumstamm gelehnt hatte, war aufgestanden.
„Du?“, riefen alle wie im Chor und schon plapperten wieder alle durcheinander. „Wieso denn das alte Wildschwein? Was will dieser Alte denn schon ausrichten?“ So und so ähnlich klang es über den Versammlungsplatz.  „Ruhe!“, donnerte da der alte Uhu von seinem Ast. „Lasst uns hören, was der alte Eber zu sagen hat“.
„Ich habe nicht viel zu sagen,“ antwortete der Eber. „Nur, dass ich schon sehr lange hier im Wald lebe. Länger als es eigentlich üblich ist, denn mein Leben scheint sich außergewöhnlich hinzuziehen. Und einige von euch wissen vielleicht noch, dass mich Mariechens Enkelkinder vor vielen vielen Jahren mit in die Stadt nehmen wollten, damals als ich noch ein Frischling war.
Mariechen hatte es nicht erlaubt, aber die Kinder hörten nicht und quengelten so lange, bis ihre Eltern mich einfach schnappten und mitnahmen. Angeblich fanden die Kleinen mich so süß.“

Sein altes mürrisches Gesicht verzog sich und einige der anwesenden Tiere konnten sich ein Grinsen kaum verkneifen. Der alte Eber war mal süß? Unmöglich.
„Ja, aber Mariechen wusste nichts davon und war mächtig böse, als sie von meiner Entführung erfuhr“, fuhr der alte Eber fort. „Mir ging es dort auch nicht so gut, auch wenn die Kinder mich ständig herumtragen wollten und mir Leckereien gaben. Mir war alles so fremd und ich hatte Angst. Und dann war da noch dieser riesige Hund, der es laufend auf mich abgesehen hatte und die Kinder hatten ja nicht immer Zeit, auf mich aufzupassen. So konnte er so manches Mal zuschnappen und mich verletzen.
Aber dann kam eines Tages Mariechen, holte mich zurück und brachte mich nach Hause zu meiner Mutter. Sie kümmerte sich auch um meine Bisswunden und das alles vergesse ich ihr niemals. Von damals kenne ich dieses Haus, in dem Mariechens Familie vor langer Zeit gewohnt hat und in das sie jetzt zurückgekehrt sind. Ich kann mich an die Stadt erinnern und ich werde den Weg zu Mariechens Familie finden. Wenn einer sie holen kann, dann bin ich das.“

Das war eine lange Rede vom alten Eber, den man sonst nie so viel sprechen hörte. All dem, was er aber gesagt hatte, war nicht viel entgegen zu setzen. Es wurde noch ein wenig hin und her diskutiert, aber im Grunde waren alle Tiere froh, dass einer diese gefährliche Aufgabe übernehmen wollte und sich auf menschliches Terrain wagen würde. Und dem alten Eber würde so schnell nichts passieren,  da waren sich alle sicher. Wie er dann aber die Familie bewegen wollte, hierher zu kommen, war allen ein Rätsel. Eine Welle von Respekt und Wohlwollen rollte über den alten Haudegen hinweg und so zögerte er nicht lange und verabschiedete sich mit einem tiefen Grunzen von der Menge. „Ich mache mich gleich auf den Weg, sonst überlege ich mir das noch“, graunzte er. „Kommt morgen, an Heiligabend, alle zu Mariechen. Ihr werdet schon sehen, ich bringe ihre Familie mit. Das ist ein Versprechen.“

Mit diesen Worten drehte sich der immer missmutig dreinschauende alte Eber um und machte sich auf den weiten gefährlichen Weg in die Stadt.

Sabine Marthinsen, im Dezember 2016

Die Fortsetzung dieser Geschichte erscheint zu einem späteren Zeitpunkt im ARS-Adventskalender 2016.

 

(c) Foto: pixabay.com

 

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