Gräusliche Weihnachten

1211Tante Käthe wollte kommen. Und die Schwiegermutter natürlich auch, wie jedes Jahr. Ihren Ernst bringt sie mit, und dann noch Klausi, ihren inkontinenten Dackel mit dem Silberblick. Niedlich war er ja, dieses schielende Ungeheuer, aber wenn er dieses Jahr wieder an die Tanne pinkelte, würde Susanne ihn aus dem Fenster schmeißen, versprach sie sich, während sie schlecht gelaunt ein Gästebett bezog. Und die Schwiegermutter hinterher.
Was ging ihr das auf den Geist: Alle Jahre wieder machten sie an Weihnachten einen auf heile Familie. All diese uneingeladenen Gäste teilten Susanne mit, wann sie zu kommen gedachten und wie sie sich das Fest in diesem Jahr so vorstellten. Sie selber stellte sich das Fest der Liebe ganz anders vor, ruhig und intim, gewiss aber ohne Familienterror. Und auf das schräge Gesinge von Ernst und seiner Holden konnte sie auch gut verzichten. Im letzten Jahr war ihre Kleine davon so verstört gewesen, dass sie drei Nächte lang geschrien hatte. Eine Woche später begann sie zu sprechen und ihr erstes Wort war „Nebenkrähe“. Rolf behauptete zwar, sie hätte „Oma“ gesagt, aber der hörte zu dieser Jahreszeit immer nur das, was er hören wollte.

© Meike Möhle 2016

© Meike Möhle 2016

Susanne knallte die Tür zum Gästezimmer zu und ging in die Küche, um sich einen Tee zu machen. Dort stank es nach Zimt, Rolf hatte gebacken. Die Küche sah aus, als hätte er die Wände neu verputzen wollen und vergessen, die Tapete vorher abzureißen. Und das alles wegen Weihnachten. Susanne stöhnte und goss einen kräftigen Schluck Rum in ihren Tee. Sie musste sich stärken und sich eine gewisse Gleichgültigkeit antrinken. Hätte sie gekonnt, wie sie gewollt hätte, wäre ihre Wohnungstür am 23. Dezember verriegel und bis nach Weihnachten nur geöffnet worden, um Rolf zum Weinholen in den Keller zu schicken.
Friedliche Weihnachten, das wäre mal schön gewesen. Oder auch lustige Weihnachten, schon das hätte sie hellauf erfreut. Zu allem Übel hatte Rolf jedoch auch noch einen Kollegen eingeladen, der gerade erst von seiner Frau verlassen worden war. Der würde sicher so richtig Stimmung in die Runde bringen. Vielleicht sollte sie den einfach zu Tante Käthe setzen, der hatte die Geschichte ihrer Hämorrhoidenverödung im Jahr 1974 ja noch nicht gehört. Und wer weiß, vielleicht mochte der ja ältere Frauen. Oder er war ein Psychopath und brachte welche um.
Ihre eigenen Eltern hatte Susanne übrigens auch mal wieder einladen wollen. Doch die hatten abgesagt, mit schlecht gespieltem Bedauern. Nachdem sie ein Mal das Vergnügen gehabt hatten, mit dem sturzbesoffenen, singenden Ernst die Gästecouch teilen zu müssen, fuhren sie über Weihnachten immer nach Bad Kissingen, um dort verdauungsförderndes Schwefelwasser zu trinken. Vielleicht sollte Susanne einfach mitfahren. Schwefelwasser war doch gewiss verträglicher als überalterte Nebelkrähe an Dackelragout.

von Meike Möhle

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