Loca Christmas

1209Was sollte er ihnen bloß schenken?
Frank lief durch die Kaufhäuser der Mars-Kolonie. Er betrachtete die Auslagen, nahm mal dieses, mal jenes Produkt in die Hand. Aber er befand doch immer wieder aufs Neue, dass er nichts gefunden hatte, das zugleich hinreichend kostbar und bezahlbar gewesen wäre. Wie immer teilte er sich die Kaufhäuser mit anderen Getriebenen, alle wie er mit angespannten Gesichtern und auf der Suche nach den richtigen Christmas-Geschenken.
Aus den Lautsprechern ertönten Christmas-Lieder, Heavenly Night, Oh Christmas Tree und all die anderen vertrauten Stücke, die schon seit Generationen auf das Fest der Feste einstimmten. Überall hingen überlebensgroße Bilder von Santa. Gutgelaunt prostete er den Kunden mit seiner Loca-Cola-Flasche zu. Frank wurde das Gefühl nicht los, der sonst so freundliche alte Herr mit dem weißen Bart würde ihn auslachen, ihn verhöhnen, weil er noch immer keine geeigneten Geschenke gefunden hatte.
Santa hatte gut lachen. Er hatte sich das ja alles ausgedacht. Santa, der Erfinder der Christmas. Seit fünf Jahrhunderten gab es dieses Fest. Der Legende nach hatte Santa von allen Bräuchen das Beste übernommen, verfeinert und vervollkommnet. Santa selbst und der festlich geschmückte Christmas-Tree waren die Symbole dieses wichtigsten aller Feste, zu dem die Familien zusammenkamen, gemeinsam aßen und sich einander beschenkten.
Das ganze Jahr über strebte alles diesem Fest zu, damit es gut würde, perfekt, besser als das vom Vorjahr – zumindest teurer. Denn das war es, worauf es bei Christmas auch ankam, wozu man sich verpflichtet hatte, als man von den Eltern an der Schule angemeldet worden war, der Loca-Cola-Schule, die allen Kindern eine Ausbildung im Geiste der Christmas bescherte.
Frank nahm seine Verantwortung ernst, Werte und Geisteshaltung der Christmas vorzuleben. Jeder Bürger der Mars-Kolonien musste seinen Mitmenschen mit Geschenken Freude bereiten und dabei mindestens zehn Prozent mehr ausgeben als im Vorjahr.
Waren es einmal nicht ganz zehn, vielleicht 9,8 Prozent, drückte der gutmütige Santa meist ein Auge zu. War es aber noch weniger, wurde der Vertrag zwischen dem säumigen Zahler und der Loca-Cola Corporation unverzüglich aufgelöst. Man verlor seine Arbeit, konnte die Wohnung und die Loca-Cola-Schule für die Kinder nicht mehr bezahlen, und die ganze Familie endete in den Elendsquartieren der Rechtlosen, die ohne Santas Schutz ein armseliges Leben führen mussten.
Frank war entschlossen, alles zu tun, damit seiner Familie ein solches Schicksal erspart bliebe. Noch konnte er den Betrag für die fälligen Christmas-Geschenke aufbringen. Nächstes Jahr würde er mit seiner Familie in eine billigere Wohnung ziehen, irgendwo in den Außenbezirken der Mars-Kolonie, und wieder mehr Luft haben für die Geschenke der nächsten Jahre.
Hinter den Scheiben des Kaufhauses schimmerten die roten Berge. Wie gerne würde Frank durch diese Landschaft wandern, aber sie war für ihn so unerreichbar wie die beiden Marsmonde.
Loca Cola rechnete mit weiteren vierhundert Jahren. So lange sollte es noch dauern, bis die ausgesetzten Blaualgen ausreichend Sauerstoff produziert und die Hydrierfabriken genug Wasser aus dem Gestein gepresst hätten. Dann würde der heute noch lebensfeindliche Mars eine Atmosphäre besitzen, die man atmen könnte, und einen Wasserkreislauf aus Meeren, Wolken und Niederschlägen. Die Menschen in den Kolonien könnten ihre Containerstädte aus künstlichem Licht und Atemluft verlassen und sich wie ihre Vorfahren auf der Erde ohne Schutzkleidung im Freien aufhalten.

By Bailiwick Studios from Rockford, MI - _C130063.jpg, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44056172

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Dabei plante Loca Cola nicht bloß eine Kopie der Erde. Die Berge des Mars würden ganzjährig mit Schnee bedeckt sein. Tannenwälder sollten an den Berghängen gepflanzt werden, um in Verbindung mit dem Schnee den Effekt zu erzielen, den Loca Cola im Sinn hatte:
Der Mars sollte zu einem Christmas-Planeten umgeformt werden, auf dem das ganze Jahr über Santas auf klingelnden Rentierschlitten durch verschneite Wälder fuhren. Touristen – vielleicht sogar solche von der Erde – könnten ganzjährig den Zauber der Christmas atmen, mit Santa Schlitten fahren und Geschenke für ihre Lieben kaufen.
Frank würde das leider nicht mehr erleben. Und schon gar nicht diese Unseligen, die in den alten Pionier-Containern leben mussten. Diese Behausungen waren von den ersten Kolonisten auf dem Mars erbaut worden. Sie waren sehr primitiv und ohne Bleiisolierung, wodurch ihre Bewohner der kosmischen Strahlung ausgesetzt waren. Auch Franks Bruder musste in einer solchen Siedlung leben, weil er einmal ungenügende Christmas-Geschenke hatte. Wie die meisten dort hatte er Krebs von der Strahlung bekommen.
Frank wurde in der Abteilung für Luxusartikel fündig. Eine fiebrige Begeisterung ergriff ihn, als er den Preis sah: 10590 Loca. Das war genau der Betrag, der zu den zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr fehlte. Nicht weniger und auch nicht unnötigerweise mehr.
Er beeilte sich, damit kein anderer ihm den Rasenmäher vor der Nase wegschnappen würde. Frank kannte solche Geräte nur aus Filmen über die Erde. Noch nie hatte er eine Wiese mit eigenen Augen gesehen oder gar eine Maschine, mit der man Gras schnitt. Nur wenige Reiche, wie die Loca-Cola-Aufsichtsräte, hatten in ihren Treibhäusern Platz für einen Rasen.
Gut investiertes Geld, dachte Frank beim Bezahlen. Wenn Christmas vorbei wäre, würde er vom Pfandleiher mindestens zweitausend Loca für den Rasenmäher bekommen. So etwas war zwar nicht legal aber ein wertvoller Vorschuss für die Christmas-Geschenke des nächsten Jahres.
Das Einkaufszentrum spielte Franks Lieblingslied: Jingle Bells. Draußen war die Erde als kleiner bläulicher Stern aufgegangen. Die Hügel lagen im rötlichen Dämmerlicht.
Irgendwann würde hier alles weiß von Schnee sein.
Schade, dass ich das nicht mehr erleben werde, dachte Frank, als er unter den wachsamen Blicken einer riesigen Santa-Figur das Einkaufszentrum verließ.

von Robert Maier

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