Omas Kekse

1206Lisbeth ließ sich seufzend in den Sessel zurücksinken.

„Ruh dich doch ein bisschen aus“, hatte ihre Tochter Sabine zu ihr gesagt. Ausruhen? Pff! Von was denn? Lisbeth schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie war nicht müde. Früher war sie dauernd in Bewegung gewesen und das ständige, nutzlose Herumsitzen langweilte sie entsetzlich.

Ihr Leben lang war sie aktiv gewesen. Schon als Jugendliche hatte sie ihre Mutter unterstützt, im Haushalt mitgeholfen und ihre jüngeren Geschwister beaufsichtigt; zuerst neben der Schule, dann neben der Ausbildung.

Später hatte sie ihre eigene Familie gegründet und ihre drei Kinder fast allein groß gezogen, weil ihr Mann ständig auf Montage war. Als er mit Mitte Fünfzig einen tödlichen Herzinfarkt erlitt, hatte sie erst recht die Ärmel hochgekrempelt, und neben ihrer Arbeit noch einen Nebenjob angenommen, um ihren Kindern auch weiterhin den Lebensstandard bieten zu können, den sie gewohnt waren.

Es hatte sich gelohnt, denn alle drei hatten ihren Weg gefunden. Sie war sehr stolz auf alle drei und auch ein bisschen auf sich selbst. Denn sie hielt sich zugute, dass die drei ohne sie nicht so weit gekommen wären. Ihr älterer Sohn war Fluglotse, der jüngere hatte einen Computerladen übernommen. Ihre Tochter Sabine war Steuerberaterin und wohnte mit Mann, Tochter und zwei Katzen in einem schönen Haus in der Vorstadt.

War die Dreizimmer-Wohnung, in der Lisbeth mit ihren Kindern gelebt hatte, früher zu klein gewesen, so schien sie für eine einzige Person viel zu groß. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme: Erst ließ das Sehvermögen nach, dann das Gefühl in den Händen. Die Gelenke wollten nicht mehr so richtig und auch der Kreislauf machte Probleme. Am schlimmsten aber war die Stille in den eigenen vier Wänden gewesen.

Nachdem im vergangenen Winter die Heizung nicht richtig funktioniert hatte und Lisbeth neben einigem Ärger mit dem Vermieter auch noch eine Lungenentzündung bekommen hatte, war klar geworden, dass sie umziehen musste. Das Haus, in dem Sabine lebte, hatte eine Einliegerwohnung und dort wohnte Lisbeth nun.

Wieder seufzte sie. Bis dahin war sie immer ihr eigener Herr gewesen. Sie hatte gearbeitet, organisiert, geputzt, gekocht, gewaschen und ihren Haushalt versorgt. Mit anderen Worten: Sie hatte ständig etwas zu tun gehabt. Aber das hatte sich schlagartig geändert, als sie zu Sabine umgesiedelt war. Es bestand nicht die geringste Chance mehr, ihr Leben oder auch nur ihren Tagesablauf selbst zu bestimmen. Denn das hatte nun ihre Tochter übernommen. Lisbeth stand auf, wenn die anderen Familienmitglieder das Haus verließen, um diese nicht bei ihrer morgendlichen Routine zu stören. Sie ging zum Arzt, zur Krankengymnastik oder spazieren, wie es ihr vorgeschrieben wurde. Gegessen wurde, was und wann Sabine bestimmte. In der Einliegerwohnung gab es nur zwei Kochplatten und eine Mikrowelle. Damit konnte man Essen warm machen, aber nicht richtig kochen.

Der Gipfel ihrer Untätigkeit aber war die Tatsache, dass sie jedes Mal eine Abfuhr bekam, wenn sie ihre Hilfe anbot. „Nein, nein, lass nur“, hieß es dann. Im Grunde war das sehr zuvorkommend, aber Lisbeth meinte „du würdest uns nur im Weg stehen“ oder „das kannst du doch sowieso nicht mehr“ aus dem Unterton herauszuhören.

„Ich bin ihnen doch nur ein Dorn im Auge“, dachte sie traurig. „Wahrscheinlich wäre es ihnen am liebsten, wenn ich gar nicht mehr da wäre.“ Sie schaute auf den Adventskranz, der auf dem Couchtisch lag. Nicht einmal diesen hatte sie schmücken dürfen. Das hatte ihre Enkelin Sophie übernommen. Genauso wie die Weihnachts-Deko in Lisbeths Einliegerwohnung.

Sabine stellte einen Becher Tee und einen Teller mit gekauften Spekulatius vor Lisbeth hin.
„Die schmecken nicht“, kam es in diesem Moment von Sophie. Das Mädchen zog ein angewidertes Gesicht, ließ sich Lisbeth gegenüber auf die Couch fallen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Kein Vergleich mit selbstgemachten.“

Gerade wollte Lisbeth einhaken und erklären, dass sie gern bereit wäre, Weihnachtskekse zu backen, da wetterte Sabine los. „Ich hab dir doch erklärt, dass ich dafür dieses Jahr beim besten Willen keine Zeit habe“, schnauzte sie ihre Tochter an. „Ich habe so dermaßen viel Arbeit, dass ich ganz sicher in den nächsten zwei Wochen Überstunden machen muss. Dann noch Weihnachtseinkäufe erledigen und die Feier inklusive Essen vorbereiten, einen Baum besorgen und schmücken, um nur die wichtigsten Dinge zu erwähnen. Ich weiß wirklich nicht …“

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„Wie wäre es, wenn wir beide zusammen backen?“, unterbrach Lisbeth in diesem Moment. Sie schaute ihre Enkelin fest an. „Es gibt zwar ein paar Dinge, die ich nicht mehr machen kann, wie zum Beispiel den Teig ausrollen. Aber das könntest ja du übernehmen. Und ich habe früher so oft Weihnachtskekse gebacken, dass ich die Rezepte noch alle im Kopf habe.“

„Eeeeeeecht?“ Einen Augenblick lang sah Sophie sie entgeistert an, dann kam Leben in sie. „Ich möchte Zimtsterne. Und Zitronenherzen und Spitzbuben. Diese dreistöckigen Kekse mit Marmelade.  Weißt du, welche ich meine? Die fand ich immer besonders lecker. Haselnussplätzchen. Oh, und Vanillekipferl. Vielleicht auch …“
„Halt!“, lachte Lisbeth. „Fangen wir doch erst mal mit zwei Sorten an. Welche magst du denn am allerliebsten?“

Sophie handelte sie auf drei Sorten hoch und schrieb zunächst eine Liste für die Zutaten, die noch besorgt werde mussten. Sabine hatte anfangs noch Einwände, aber gegen die Wucht der kombinierten Argumente ihrer Tochter und ihrer Mutter hatte sie keine Chance. So gab sie schließlich auf und reichte die Einkaufsliste an ihren Mann Rainer weiter.

Es wurde eine geschäftige Woche, aber Lisbeth genoss jeden Augenblick. Endlich hatte sie wieder das Gefühl, etwas Nützliches tun zu können und nicht nur im Weg zu sein. An drei Nachmittagen nahmen Sophie und sie Sabines Küche in Beschlag. Sie mischten die Zutaten, kneteten den Teig, rollten ihn aus und stachen die Kekse aus. Sophie war mit Feuereifer bei der Sache und schrieb auch beim Backen die Rezepte auf.

Als Rainer am dritten Abend beim Nachhause kommen schnupperte und erklärte „Ja, so riecht Weihnachten. Das kenne ich noch von früher“, wischte Lisbeth sich verstohlen ein paar Freudentränen aus den Augen.

Am Sonntagabend brannte die zweite Kerze am Adventskranz und daneben stand ein Teller mit drei Kekssorten.
„Die sind echt lecker, Oma“, strahlte Sophie. „Alle. Können wir vielleicht nächste Woche noch welche backen?“

Etwas später setzte Sabine sich Lisbeth gegenüber in einen Sessel. Sie räusperte sich verlegen, bevor sie anfing: „Ich wollte dich mal was fragen.“
„Dann frag doch.“ Nanu? Sie war doch sonst nicht gerade schüchtern.
„Also, am zweiten Weihnachtstag wollen wir alle zusammen feiern.“ Das wusste Lisbeth schon. Ihre beiden Söhne würden kommen, so dass die Familie an diesem Tag komplett sein würde. „Und, äh, ich dachte mir, es könnte doch eine Weihnachtsgans geben.“
„Ja, das ist eine gute Idee.“ Worauf sollte das hinauslaufen?
„Na ja, ich hab sowas noch nie gemacht“, rückte Sabine mit der Sprache heraus. „Ich habe einfach keine Ahnung, wie man so einen Riesenvogel zubereitet. Würdest du mir dabei helfen?“

Lisbeth schaute ihre Tochter an und nickte lächelnd. „Das mache ich sehr gern. Ich finde es sehr schön, wenn ich mich nützlich machen kann.“ Im Stillen ergänzte sie: „Vor allem aber macht es mich glücklich, wenn ich zu euch gehöre und nicht nur geduldet werde.“ Damit nahm sie sich einen Keks vom Teller und biss zufrieden hinein.

Lily Konrad, im Dezember 2016

 

(c) Foto: pixabay.com

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