Der Weihnachtsstern

1205Die Eltern waren schon sehr lange tot.

An das Gesicht ihrer Mutter konnte sie sich gar nicht mehr so genau erinnern – die Bilder im Kopf speisten sich zwischenzeitlich eher aus alten Fotos als aus der Erinnerung. Lustig war die Mutter gewesen, bis sie krank wurde. Dann hatte sie jeden Tag geschimpft. Gefeiert hatte sie gern, und Hausarbeit hatte die Mutter nicht gern gehabt. Eigentlich war es ihr zu Hause langweilig gewesen und sie wäre lieber arbeiten gegangen. Aber das war damals als Ehefrau eines gut situierten Abteilungsleiters nicht üblich gewesen. Erst einige Jahre vor ihrem Tod hatte die Mutter angefangen, halbe Tage in einem Antiquitätengeschäft zu arbeiten. Chefin dort war eine ehemalige Opernsängerin, die hinreichend verrückt war, um der Mutter einen kleinen Ausgleich zum öden Hausfrauendasein zu schaffen.

Der Vater war 9 Jahre nach dem Tod der Mutter auch gestorben. Er war nicht so richtig zurechtgekommen nach ihrem Tod – als „alleinerziehender“ Vater und mit einem großen Haus und Garten. Die Schwiegermutter war eingezogen, um den Haushalt zu führen. Der Vater hatte viel gearbeitet und Abends hatte er meistens ferngesehen und einen Whisky dazu getrunken. Eigentlich hatte er gerne Gedichte gelesen und Jazz-Musik gehört, aber dazu kam er irgendwie nicht mehr so richtig. Nach seinem – plötzlichen – Tod rief eine Frau an und wollte ihn sprechen. Was mit dem Hotelzimmer wäre. Da kam raus, dass der Vater offenbar einige Jahre lang „heimlich“ eine Freundin gehabt hatte.  Sie war übrigens eine ganz Nette, er hätte sie ruhig der Familie vorstellen können, aber davor hatte er offenbar Angst.

Jetzt hatte die Tochter selbst wieder eine Tochter und die Eltern waren beerdigt. Noch gar nichts so lange, denn sie waren im Ausland verstorben und dort durfte man die Urnen zu Hause aufbewahren. Nun lagen sie seit vier Jahren auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Es war gar nicht so leicht gewesen, sie dort „unterzukriegen“. Die Tochter ging nicht oft zum Grab. Sie war der Meinung, dass die Eltern dort auch gar nicht „wohnten“ und ihre Seelen ohnehin die Urne und den Friedhof lange verlassen hatten. Warum also das Grab besuchen ? Ab und zu musste man hin, damit es nicht allzu sehr verwahrloste.

Heute war es mal wieder soweit. Es war ein grauer und verregneter Dezembertag und die Tochter ging mit ihrer Tochter, der Enkelin, auf den Friedhof. Der Friedhof machte wegen der Dunkelheit schon um 17.00 Uhr zu, also mussten sie zeitig losgehen. Sie nahmen eine Gartenschere, Gartenhandschuhe und einen Handfeger mit, um das Grab wenigstens einigermaßen in Ordnung bringen zu können. Niemand sonst besuchte das Grab; der Bruder des Vaters lebte nicht mehr und die Schwester der Mutter interessierte sich nicht.

Nun waren sie angekommen. Die Tochter schnitt den überwuchernden Buchsbaum zurück und die Enkelin half ihr dabei. Sie rupften Unkraut und entsorgten den Grünschnitt in der dafür speziell vorgesehenen Tonne. Dann fegten sie den Grabstein und gossen etwas Wasser darüber, um die dort befindlichen Erdreste abzuspülen. Die Enkelin hatte noch nie das Grab besucht. Sie fragte, ob die Urnen aufeinander oder nebeneinander im Grab lagen. Die Tochter wusste es nicht.

Weihnachtsstern

Weihnachtsstern

Es nieselte weiter. Die Tochter hatte anlässlich der Jahreszeit einen Weihnachtsstern gekauft und stellte ihn vor die Grabplatte. Die Enkelin beanstandete den von der Tochter gewählten Aufstellort. Die Enkelin hatte ganz eigene Vorstellungen von Ästhetik, sie hatte in der Schule in Kunst eine Eins. Sie schuf in dem dichten Buchsbaumbewuchs Platz für den Weihnachtsstern und stellte ihn so hinein, dass die rot gefärbten Blätter teilweise über den Buchsbaum, teilweise über die marmorne Grabplatte reichten. So. Dann holte sie trotz Nieselregens noch etwas Wasser und goss den Weihnachtsstern an. Die Tochter knipste ein Foto von Enkelin, Weihnachtsstern und Grabplatte.

In diesem Moment riss der Himmel auf, es hörte auf zu regnen und ein Sonnenstrahl fiel auf das Grab. Die Enkelin lächelte.

Wenige Minuten später setzte der Nieselregen wieder ein und der Himmel verdunkelte sich.

Die Tochter wird nun öfter das Grab ihrer Eltern besuchen.

Gastbeitrag von Nele Christiane Rave, im Dezember 2016

 

(c) Foto: pixabay.com

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