Kalt!

1204O Gott, was hab ich nur getan? Die eisige Kälte kroch unbarmherzig durch die warme Kleidung und es half nichts, dass ich die Arme um den Oberkörper geschlungen hatte und verzweifelt mit den behandschuhten Händen meine Oberarme rieb.
Das Schaukeln trieb mich in den Wahnsinn, aber der böige Wind wollte keine Ruhe geben und versetzte mich immer wieder in eine pendelnde Bewegung.
„Hilfe! Hallo, hört mich denn niemand! Hiiiiilfe!“ Der aufziehende Nebel verschluckte meine Rufe und ich hatte den Eindruck, ich könnte mich genauso gut am Nordpol befinden und nicht in einer üblicherweise betriebsamen Skiregion.
Wie lange hält man es bei einer Temperatur von Minus 18 Grad im Freien aus? Ach Scheiße, nicht zielführend, denk lieber drüber nach, wie du hier runterkommst.
Der schaukelnde Sessellift hing mitten in einer Nebelbank, die mich weder die Sessel vor noch hinter mir sehen ließ. Viel schlimmer war aber, dass ich auch keinen Grund unter mir sah. Die Piste konnte 4 Meter, aber auch genauso gut 20 Meter tiefer liegen. Alles verschwand in einer grauen, einheitlichen Masse aus kleinsten Wassertröpfchen, die sich auf allem niederschlugen und sofort gefroren. Wenn ich mich einen Moment lang nicht bewegte, konnte ich fühlen, wie sich ein dünner Panzer aus Eis auf meiner Kleidung bildete. Wieder überfiel mich ein Anflug von Verzweiflung, Ratlosigkeit und das Gefühl, hilflos einem schlimmen Schicksal ausgeliefert zu sein.

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© Dieter Aurass 2016

War es nur Einbildung gewesen, oder hatte ich tatsächlich ein knirschendes, metallisches Knirschen gehört, kurz bevor der Sessellift zum Stehen gekommen war? Konnte das tatsächlich sein? Gestern hatte ich noch scherzhaft zu Karin gesagt, was wohl passieren würde, wenn man einen Skistock in die sich drehende Seilführung an der Talstation werfen würde. Sicherlich würde der Sessellift zum Stillstand kommen und vielleicht sogar der Motor wegen Überlastung überhitzen und durchbrennen.
„Was für ein kranker Gedanke, was soll das denn?“, hatte Karin erwidert und sich nicht mit mir an dem Gedanken an verzweifelte Mitfahrer ergötzen können.
Hat sie meine Idee in die Tat umgesetzt? Das kann doch nicht sein, oder?
„Karin! Es tut mir leid, ich hab’s nicht so gemeint. Bitte!“ Mein verzweifeltes Rufen wurde von dem dichten Eisnebel erstickt und ich zweifelte daran, dass man es weiter als ein paar Meter würde hören können.
„Bitte, Karin, es tut mir leid. Bitte, mir ist kalt! Das kannst du mir doch nicht antun, verdammt!“
Okay, ich hatte sie in letzter Zeit nicht wirklich gut behandelt, nein, sogar richtig fies war ich zu ihr gewesen. Vielleicht hätte ich nicht darauf bestehen sollen, dass sie die letzte Abfahrt bei dieser Kälte und der schlechten Sicht noch machen sollte. Wo sie doch immer so fror. Sie hatte sich geweigert und ich hatte sie dafür verhöhnt. „Du Weichei, stell dich doch nicht so an!“
Vor meinem geistigen Auge erschien wieder ihr verletzter Gesichtsausdruck. Sie hatte kurz davor gestanden, in Tränen auszubrechen. Aber ich hatte ja partout nicht aufhören können: „Wie konnte ich mich nur mit so einer Tussi einlassen, die ständig friert und beim kleinsten Anlass heult! Widerlich!“
Nach dieser Bemerkung waren bei ihr endgültig alle Dämme gebrochen und sie hatte hemmungslos geschluchzt.
„Pah, wenn du meinst, damit könntest du bei mir was erreichen, hast du dich geschnitten. Dann wart halt hier, bis ich wieder unten bin.“
Du hast es übertrieben, du Depp. Und das ist jetzt die Quittung. Obwohl ich es ihr eigentlich nicht zugetraut hätte, so eine drastische Maßnahme zu ergreifen, um mich zu bestrafen.
Ein hartes und schnelles Klappern riss mich aus meinen Gedanken, und es dauerte einen Moment, bis ich merkte, dass es meine Zähne waren, die in einem tödlichen Stakkato aufeinanderschlugen. Wie lange würde ich das noch aushalten können? Ein letztes Mal rief ich um Hilfe und bettelte um Vergebung. Aber meine Stimme hatte schon bei Weitem nicht mehr die Kraft wie noch vor 5 Minuten. Schließlich war ich nur noch in der Lage, leise zu wimmern,

Als der Liftwärter von der Toilette kam, sah er die junge Frau, die in einer Ecke der Liftwärterhütte stand und am ganzen Leib zitterte.
„Wuist no auffi, Madel? Desch goit hait nimmer.“
„Wie bitte?“
„I hob gsogt, da laft hait nix mi. Der Lift isch kaputt. Motorschade. Wartst auf oane?“
Sie sah ihn mit großen Augen an, als müsse sie überlegen. Schließich erhellte sich ihr Blick, als habe sie erst jetzt verstanden, was er gesagt hatte.
„Nein, nein, mein Freund hat scheinbar die andere Abfahrt genommen. Dann mach ich mich mal auf ins Hotel. Und Sie sind sicher, dass der Lift heute nicht mehr geht?“
„A jo, ganz sicher. Desch repariern mer morgn, wanns hell isch. Wos a Glick, dass die letscht viertel Stund koaner aufi gfohrn isch. Der tät sich schee die Knochn verfriern.“
Er lachte laut auf, bei dem Gedanken, dass dann morgen vermutlich ein Eiszapfen in der Bergstation ankommen würde, unfähig, auszusteigen und dazu verdammt, so lange rund zu fahren, bis man die Leiche mit warmem Wasser aus dem Lift herauslösen würde.
„Ja, da haben Sie recht. Was für ein Glück.“ Mit einem feinen Lächeln um die Mundwinkel, wand sie sich um und stapfte durch den dichten Neben davon.
Tourischten, des isch scho a seltsams Völkchen, dachte er kofpschüttelnd und schloss das Wärterhäuschen mit einem deutlich vernehmbaren „Feieromd!“ ab.

von Dieter Aurass

 

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2 Gedanken zu “Kalt!

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