Ein Schutzengel auf Durchreise

1203Heiligabend. Was ist eigentlich an diesem Tag heilig, stöhnt Frida, als sie über einen Stapel Geschenke für die Kinder stolpert, der das ganze Schlafzimmer in Besitz zu nehmen scheint. Im Geiste geht sie zum wiederholten Male ihre To-Do-Liste durch: Geschenke einpacken. Aufräumen. Gänsebraten und Kartoffelknödel zubereiten. Tisch decken. Dafür sorgen, dass alle ein unvergessliches Weihnachtsfest erleben. Also alles wie immer.

Den ganzen Vormittag ist sie schon alleine in ihrem Häuschen am Stadtrand, das Jan für sie beide ausgesucht hatte. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte vor fast fünf Jahren: „Jetzt, wo du schwanger bist, suchen wir uns besser was außerhalb.“

Sie hat zugestimmt. Vielleicht hat sie in letzter Zeit etwas zu oft „ja“ gesagt. Ja, geh nur vormittags mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt, ich schaffe das hier schon. Ja, laden wir doch deine Eltern an Weihnachten zu uns ein. Klar kann dein Bruder mit Familie auch kommen, kein Problem.

Ihr Blick bleibt an der roten Küchenuhr hängen, die ihre besten Tage hinter sich hat. Im Grunde bin ich wie diese Küchenuhr, sagt Frida laut und zuckt zusammen, als ihre Stimme im leeren Haus hallt.

Das laute Klingeln der Türglocke unterbricht ihre Gedanken. Ausgeschlossen, dass es schon die Familie ist, seufzt Frida und öffnet langsam die Tür. Verwundert bemerkt sie, dass es begonnen hat zu schneien, dann erst nimmt sie wahr, was da vor ihrer Tür steht. Weihnachtsstress und Schlafmangel können anscheinend zu einer ausgewachsenen Halluzination führen, denkt sie, denn direkt vor ihr steht ein Wesen, das aussieht wie ein zerknautschter Weihnachtsengel auf Drogen. Verstrubbelte, blonde Locken, verschmierter Lippenstift und ein schmuddeliges, ehemals wohl weißes Engelskostüm mit zerrupften Flügeln, von denen glitzernder Staub auf den Boden rieselt. Feenstaub, denkt Frida verträumt, dann schüttelt sie heftig den Kopf. Unsinn! Feenstaub! Vermutlich ist das eher Mottenpulver, denkt Frida und muss niesen.

Schutzengel

Schutzengel

Reichlich genervt zückt ihr seltsames Gegenüber ein Smartphone. „Hi! Ich bin Chris, Chris Kid, aber die meisten nennen mich Angel – originell, ich weiß! Frida, richtig?“

Frida nickt benommen und fasst sich an die Stirn – kein Fieber!

Das merkwürdige Wesen schlägt ungeduldig mit den Flügeln und sagt: „Also, ich komme vom himmlischen Sozialdienst, sozusagen Pro Familia für all diese Übermütter, die an Weihnachten zu Höchstform auflaufen und sich in ihrem Perfektionswahn mal wieder gegenseitig übertreffen müssen. Nicht gut, aber wem sag’ ich das? Risiken und Nebenwirkungen sind bekannt, aber wer hört schon auf seinen Arzt oder Apotheker, geschweige denn auf mich. Aber Job ist Job, also bringen wir’s hinter uns!“

Frida findet langsam ihre Fassung wieder. Fasziniert betrachtet sie das riesige Totenkopf-Tattoo, das den Oberarm ihres Gegenübers ziert.

Sie öffnete die Haustür ganz. „Ähm, willst du nicht lieber reinkommen? Unsere Nachbarn sind eher ein bisschen konservativ“, fragt Frida zögernd.

Mit eingeklappten Flügeln stapft Angel schnaubend an ihr vorbei ins Haus und schimpft leise vor sich hin: „Konservativ, pah! Entspricht man nicht dem Bilderbuch-Klischee eines Engels, kommen sie einem sofort schräg!“

Im Wohnzimmer plumpst Angel laut seufzend in einen Sessel und mustert spöttisch den Rauschgoldengel oben auf dem Weihnachtsbaum. Frida setzt sich auf das Sofa und streicht sich gespannt die Haare aus dem Gesicht. Und was jetzt, denkt sie. Habe ich jetzt drei Wünsche frei?

Angel zieht ein zerfleddertes Notizbuch aus einer großen, pinkfarbenen Umhängetasche mit Glitzersteinchen. „Wir haben zwar alles digital, aber sicher ist sicher! Also, noch mal von vorne: Ich bin sozusagen dein Schutzengel. Mittlerweile betreuen wir Kleingruppen, sonst lohnt sich der Anflug nicht. Und bevor du fragst: Ich bin zwar bei Facebook, aber ich nehme grundsätzlich keine Freundschaftsanfragen an.“

Frida macht große Augen, während Angel sich ein paar welke Blätter aus den Flügeln zupft und seufzt. „Ein Spaß ist der Job echt nicht mehr!“

Das klingt so resigniert, dass Frida vorsichtig nachfragt. „Wieso nicht?“

„Ich will jetzt echt nicht mit diesem „früher war alles besser“-Gejammer kommen, aber da war wenigstens noch richtig Aktion angesagt. Ein Kind fällt vom Baum und zack, waren wir da. Ein Junge rennt auf die Straße und wäre fast überfahren worden – wenn wir das Auto nicht gestoppt hätten. Wir hatten richtig coole Moves drauf. Da denken die Teenager heute, nur Vampire und Werwölfe hätten Superkräfte, aber hey, lange davor waren wir echt hipp! Heute müssen wir dafür sorgen, dass das WLAN im Kinderzimmer stabil läuft und die Kids zumindest den Wechsel der Jahreszeiten wahrnehmen, während sie virtuell die Welt retten.“

Frida zweifelt immer noch an ihrem Verstand. Da sitzt sie an Weihnachten im Wohnzimmer und plaudert mit ihrem Schutzengel – durchgeknallter geht es kaum. Allerdings möchte sie schon gerne glauben, dass es so etwas wie Wunder gibt – auch wenn das Wunder hier einen reichlich ramponierten Eindruck macht.

„Sag mal“, fragt Frida vorsichtig. „Wenn ihr so coole Tricks auf Lager habt, dann ist so etwas wie Gänsebraten mit Kartoffelknödel eine Kleinigkeit, oder?“

Vor Empörung wird Angel ganz starr und reißt ihre himmelblau geschminkten Augen auf. „Sehe ich vielleicht aus wie die gute Fee? Wir sind hier doch nicht im Märchen! Ich bin ein Schutzengel und habe den Job, dich zu retten; besonders vor deinem gigantischen Aufopferungstrieb. Mal ehrlich – wozu machst du das alles?“

Ja, denkt sich Frida, wozu eigentlich? Damit sie sich erschöpft und überfordert fühlt und ständig das Gefühl hat, jemand anderes führt Regie in ihrem Leben?

Währenddessen redet sich der Engel immer mehr in Rage. „Bald habe ich genügend Punkte auf meiner Payback-Paradise-Karte, dann hat dieses verdammte Streetworker-Dasein endlich ein Ende. Dann geht es ab ins Paradies und ich kann endlich mal das machen, was mir Spaß macht!“

Frida horcht auf. Das ist doch eigentlich ihr Satz. Wie oft hat sie genau das in den letzten Jahren gedacht? Natürlich liebt sie Jan und die Kinder und anfangs passte auch der Umzug in das Haus am Stadtrand perfekt in ihre Vorstellungen. Doch dann kam der Blues. Meistens alleine mit zwei kleinen Kindern, zu weit weg von ihren Freundinnen in der City und abgeschnitten von ihrem früheren Leben, saß sie hier in dieser Pseudo-Vorstadtidylle fest.

Frida hebt den Kopf und schaut Angel an, die hektisch auf ihrem Smartphone tippt. „Was würdest du denn gerne tun?“, fragt sie neugierig.

Angel blickt auf. „Ich?“ Sie lässt die Flügel hängen, dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. „Ich möchte singen! Ich liebe es, zu singen! Nicht diese ganzen Choräle und Hallelujas, sondern richtig harten Rock! In meiner eigenen Band, den ‚Voices of dead Angels’!“ Ihre Augen glänzen, dann blickt sie Frida abwartend an. „Und du?“

Frida schluckt. „Ich will hier weg“, sagt sie mit fester Stimme. „Nicht von Jan und den Kindern, aber aus dieser kleinen Welt, in der es nur um Kinder und den Schein der perfekten Familie geht. Ich will wieder in der City wohnen, bei meinen Freunden und meiner Familie! Ich möchte zur Haustür hinausgehen und Menschen sehen, auf einen Kaffee in die nächste Kneipe gehen können – das will ich!“

Die beiden blicken sich lange an. Frida, blass und erstaunt, dass sie das zum ersten Mal so klar aussprechen kann und Angel, die sehr zufrieden mit ihrem Schützling ist.

„Und was machen wir jetzt?“, fragt Frida leise. Mit raschelnden Flügeln steht der Engel auf und greift nach ihren Händen. „Jetzt gehen wir nach oben und packen dieses halbe Spielzeuglager in Geschenkpapier – naja, klar kann ich dafür sorgen, dass es etwas schneller geht“, gesteht Angel augenzwinkernd. „Dann gehen wir in die Küche und machen der Gans Feuer unter dem Hintern. Und dann …“.

Der Engel steht auf und stemmt die Arme in die Hüften. „Dann wirst du zwischen Gänsekeule und Geschenkpapier mit deiner Familie mal Klartext reden! So, wie du es mir eben gesagt hast.“

„Und du?“ Frida schaut den Engel fragend an. „Was ist mit dir?“

Angel lächelt. „Ich habe meinen Job heute zum ersten Mal richtig gern gemacht.“ Dann wird sie ernst. „So sollte es sich immer anfühlen – wie im Himmel eben. Deshalb werde ich diese Band aus dem Boden stampfen und dann peppen wir die nächste Papstwahl mal ein bisschen auf.“ Sie klatscht in die Hände. „Also los jetzt – schließlich ist heute Weihnachten – endlich Zeit für Wunder!“

Susanne Reichert, im Dezember 2016

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