Paul

1202Paul ist ein alter Mann. Seine Frau ist vor mehr als zehn Jahren gestorben und seine Söhne sind schon lange zu Hause ausgezogen. Michael wohnt mit der Familie in München und Frank, als ewiger Single, in Hamburg. Beiden geht es gut, sie haben zumindest keine finanziellen Probleme. Ab und zu rufen sie ihn an oder besuchen ihn. Das macht Paul glücklich.

In der Straße, in der Paul wohnt, sitzt er jeden Abend auf einem Mauerpfosten vor dem Haus. Am liebsten trägt er seine blaue Arbeitslatzhose, dazu ein kariertes Hemd, an dem die Ärmel hochgekrempelt sind und seine blaue Wollmütze, die er wie ein Matrose tief in die Stirn gezogen hat. Auf der Nase sitzt seine olle goldene Brille, die irgendwie gar nicht zum Rest passt. Er beobachtet die Leute mit ihren Autos, Fahrrädern, Mopeds und Motorrädern, wie sie an ihm vorbei fahren. Manche grüßen ihn und heben im Vorbeifahren die Hand. Das macht Paul glücklich.

Mit den Fußgängern hält er ab und zu einen Plausch. „Hallo Paul, wie geht’s heute?“, fragen sie ihn, oder „Na, Paul hast du schon deinen Salat gegossen?“ Manche berichten ihm von ihren Sorgen. Paul hört ihnen zu, nickt mit dem Kopf und sagt: „Ja, ja, so ist es.“ Andere hören überhaupt nicht mehr auf zu quasseln. Doch Paul ist ein geduldiger Zuhörer. Das macht Paul glücklich.

Wenn er nicht auf dem Mauerpfosten sitzt, fährt er mit seiner Agria 1700 durch die Gegend. Ein Auto braucht er nicht. Paul ist besonders stolz auf dieses kleine Gefährt, dass mit einem 2-Takt Ilo Motor ausgestattet ist und 1957 gebaut wurde. Den Anhänger hat er selbst zusammengezimmert, weil er früher viel Holz für den Kamin transportiert hatte. Heute fährt er damit hauptsächlich zum Einkaufen, zum Doktor und zum Friseur. Einige, die ihn abends grüßen, wenn er auf dem Mauerpfosten sitzt, kennen Paul von seinen Touren. Sie müssen dann langsam hinter ihm herzuckeln, weil er nicht so schnell ist. Die alte Dame hat nur 6 PS. Er nennt sie liebevoll „Agathe“, wie seine Schwester. Bevor er morgens losfährt, sagt er manchmal zu ihr, „Moin, Agathe, alles klar?“, und lächelt zufrieden. Das macht Paul glücklich.

Eines Abends sitzt Paul wieder auf seinem Mauerpfosten und beobachtet die Leute, die an ihm vorbeifahren oder vorbeigehen. Jan, der auf dem Weg zur Judostunde ist, bleibt stehen und fragt:
„Du Paul, sag mal, wie kommst du eigentlich auf die Mauer?“
„Das ist ganz einfach“, antwortet Paul, „Ich springe.“
„Wieso willst du das wissen?“, fragt Paul.
„Ach, Mama und Papa wollen das wissen“, antwortet Jan.
„Aha! Wollen sie sonst noch etwas wissen?“
„Ja, was du da machst.“
„Ich beobachte Leute und denke mir Geschichten aus.“
„Welche Geschichten denn?“
„Solche, die andere Leute glücklich machen.“
„Verrätst du mir eine?“
„Nein, die verrate ich dir nicht, aber du kannst es erkennen, wenn alle Leute glücklich sind und ein Lächeln in ihren Gesichtern haben. Dann hat meine Geschichte funktioniert.“
„Okay, ich muss los. Tschüß Paul“, verabschiedet sich Jan und macht sich auf den Weg zur Judostunde.

Sonnenblume

Sonnenblume

Für Paul gibt es nichts Schöneres, als sich Geschichten auszudenken, um anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. So ist er an einem Abend im Frühjahr, es war noch hell, mit Agathe die lange Chausee entlang gefahren. Hat sie unter einem Mandelbaum geparkt und ist zu Fuß mit einer kleinen Schaufel und einem Eimer in der Hand losmarschiert. Zwischen jedem Mandelbaum in der Allee, hat er ein kleines Loch gegraben und drei Sonnenblumenkerne aus dem Eimer hineingelegt. So hat er es fünfhundert Meter auf der einen Seite hinunter und fünfhundert Meter auf der anderen Seite hinauf gemacht. Eines morgens im Sommer fuhren die Leute entlang der Chaussee zur Arbeit. Dort blühten hunderte meterhohe gelbe Sonnenblumen. Es war wie ein goldenes Meer. Sie haben gestrahlt und gesagt: „Schau mal, wie bildschön!“ Oder: „Wer hat das denn gemacht, was für eine bezaubernde Idee.“ Das, machte nicht nur Paul glücklich.

Im Winter hat Paul mit dem alten Stettler einen Plan ausgeheckt. Unter den Kindern war der alte Stettler nicht sehr beliebt, weil er mit seinem großen roten Traktor, an dem eine   Schneeschaufel hing, immer den gesamten Schnee weggeräumt hat. Die Kinder hatten keine Schlittenbahn und riefen ihm „Schneevernichter, Schneevernichter!“ hinterher. Das machte den alten Stettler nicht gerade glücklich, es war ja schließlich sein Job die Straßen schnee- und eisfrei zu halten.

Schlittenbahn

Schlittenbahn

„Also, pass mal auf, Stettler, ich hab‘ da eine Idee“, begann Paul. „Den kleinen Weg oben am Spielplatz, den räumst du das nächste Mal nicht. Ich helfe dir die Gehsteige zu fegen, dann brauchen die Anwohner das nicht zu machen. Damit sind sie sicher einverstanden und drücken ein Auge zu. Was meinst du?“
„Das ist kein schlechter Gedanke. Meinst du, das funktioniert?“
„Na klar, funktioniert das. Vertrau mir“, sagte Paul.

Es kam der Tag, an dem es schneite und die beiden machten es wie verabredet. Am Mittag, als alle Kinder von der Schule kamen, rannten sie mit ihren Schlitten los und hatten so viel Spaß wie lange nicht mehr. Das machte Paul, den alten Stettler und alle Kinder sehr glücklich.

Für die Weihnachtszeit dachte Paul sich etwas ganz besonderes aus. Er wollte, dass die Leute sich wieder mehr Zeit füreinander nehmen. Das die Eltern mit ihren Kindern Plätzchen backen, basteln und das sie ihnen abends Geschichten vorlesen. Doch wie sollte er das anstellen? Er entschied sich Plakate drucken zu lassen auf denen in fetten Buchstaben steht:

WEIHNACHTSAKTION

 Die besten Plätzchen und die schönsten Weihnachtsgeschichten
werden prämiert.
Auslosung in der Christmette, am 24. Dezember, um 18 Uhr

Wieder einmal konnte er diesen Plan nicht alleine umsetzen und sprach mit dem Pfarrer darüber.
„Meinst du, das klappt, Paul?“, fragte der Pfarrer.
„Na klar, klappt das“, antwortete Paul überzeugt.
„Und wer bekommt welchen Preis?“, wollte der Pfarrer wissen.
„Sie sagen einfach, dass alle Geschichten so schön sind und alle Plätzchen so gut aussehen, das jeder gewonnen hat. Die Hauptsache ist doch, die Familien nehmen sich wieder mehr Zeit füreinander, haben Spaß und lachen zusammen“, sagte Paul.
„Das klingt gut! Wir rollen die Geschichten zusammen und binden an jeden Plätzchenbeutel eine, die verteilen wir beim Verlassen der Kirche an jeden Gottesdienstbesucher. Eine großartige Idee. Dann haben alle etwas davon“, stimmte der Pfarrer dem Plan begeistert zu.

Christmette

Christmette

Es wurde Heilig Abend. Der Pfarrer schüttelte jedem beim Hinausgehen die Hand, wünschte „Frohe Weihnachten“ und übergab einen Plätzchenbeutel, an dem eine Geschichte baumelte. Alle Leute bedankten sich bei ihm für die ausgezeichnete Idee. Nur der kleine Jan, ging zu Paul, der sich hinter einem Tannenbaum versteckt hatte, gab ihm die Hand, wünschte Frohe Weihnachten und flüsterte ihm ins Ohr: „Das hast du bombig gemacht“ und schenkte ihm ein Lächeln. Das machte Paul glücklich.

Franziska von Schleyen, im Oktober 2016

 

(c) Fotos Franziska von Schleyen

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