Am Tisch mit Loriot

1201Es ist immer schön, an Weihnachten bei Christa zu sein: Nette Gesellschaft in gepflegtem Ambiente, dazu saugutes Essen. Es gibt eigentlich nur zwei Dinge, die mich daran stören: Der Zeitpunkt und der alte Herr, der sich jedes Mal bei uns einschleicht. Aber ich will von vorne beginnen.
Weihnachten bei Christa hat bei mir Tradition, seit… ja, seit wann eigentlich? Seit ihre Tochter meine liebe Freundin ist? Ja, so in etwa. Also seit über 25 Jahren. Einen Weihnachtsabend verbringe ich  jedes Jahr in diesem gastfreundlichen Haus, mit meiner Freundin, deren Familie und Beiwerk: Denn Freunde und Freundinnen dürfen mitgebracht werden.
Wenn man den Ort des Geschehens betritt, ist es heimelig, der Kachelofen treibt den Winter fort. Aus der Küche wehen die wunderbarsten Düfte und erfüllen einen mit froher Erwartung. Und jedes Mal denke ich mir: ‚Verdammt, warum gerade an Weihnachten? Warum an einem Tag, an dem man sowieso schon übersättigt ist, zu viel Gesellschaft und zu wenig Bewegung hatte? Warum nicht am 12. März oder 27. August?‘ Nun, die Antwort ist einfach: Nur an Weihnachten sind wir alle gleichzeitig hier, in dem Ort, in dem wir aufgewachsen sind. Und nur an Weihnachten ist man bereit, ohne Rücksicht auf die Vernunft so viel zu essen und zu trinken. Also gut, packen wir es an.

© Meike Möhle 2016

© Meike Möhle 2016

Es ist immer wunderbar, was bei Christa auf den Tisch kommt: Mit einem schnöden Schweinsbraten gibt sie sich nicht ab. Bei ihr gibt es Fondues mit selbst gemachten Soßen und Salaten, oder raffinierte Röllchen aus Diesem mit Jenem, die in herrlich komponierten Suden baden und sich entweder als Gesamtkunstwerk oder langsam, Schicht für Schicht, genießen lassen. Ihre Desserts, die eigentlich nicht mehr reinpassen, schmelzen im Mund oder auf der Bluse, je nach Tagesform. Das Tischgespräch ist genauso geistreich wie die zahlreichen Aperitive und Digestive, es fließt munter dahin. Und über allem, wirklich allem, schwebt der Geist von Loriot.
Denn den können sie auswendig. Alle, nur ich nicht. Es wird die Nudel rezitiert, du dödel di, di dudel, dö, und möchte noch jemand einen Kosakenzipfel? Ich finde das ganz amüsant, zumindest für ein Weilchen, war er doch ein großer Meister, der alte Herr. Aber irgendwann reicht es mir. Zicke-Zacke, Hühnerkacke.
Ich versuche, das Gespräch umzuleiten – „Der Wein ist köstlich“ – und nehme noch etwas Fleisch. Unvernünftig, ich bin schon satt, aber ich liebe Ente, und diese hier erst recht. Mit Rotkohl und Soße rutscht sie doch, und zwei bis zwölf Grappa spülen sie hinunter. Der Abend endet harmonisch, wir hatten was Eigenes.
Ein Taxi bringt mich heim. Gerade noch rechtzeitig, denn es drängt hinaus, mein wunderbares Weihnachtsessen. Und spätestens jetzt merke ich, dass ich mich ihm nicht entziehen kann, diesem klugen, alten Humoristen. Denn noch während ich mir mein grünliches Gesicht im Spiegel ansehe, höre ich diese Stimme – ist es die von Dr. Klöbner oder die von Herrn Müller-Lüdenscheid? Sie sagt, laut und bestimmt: „Die Ente bleibt draußen!“

von Meike Möhle

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Ein Gedanke zu “Am Tisch mit Loriot

  1. Hier fühlt man sich zuhause … denn Loriot ist auch mein ständiger Begleiter und das nicht nur in der Weihnachtszeit.
    Eine herrliche Kurzgeschichte, die amüsiert, aber auch nachdenklich stimmt. Also: Ein wunderbarer Einstieg in die Weihnachtszeit und eine Geschichte, die Lust auf mehr macht.
    Danke Meike!

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