Hannes und Opa philosophieren

18. Dezember

18. Dezember

oder: Wie man das Zeit-Ungeheuer zähmt
(Für kleine und große Philosophen)

Oma und Opa sind zu Besuch

Hannes und Opa ziehen sich dicke Jacken an und machen einen Adventsspaziergang durch den Wald. Sie suchen Tannenzapfen für die Deko und frisches Moos für die Krippe. Opa erklärt Hannes die verschiedenen Bäume. Auch Ungeheuer und Waldgeister spüren sie in abgebrochenen oder entwurzelten Baumstämmen auf.

Seit Hannes mit seinen Eltern umgezogen ist, kommen Oma und Opa nur noch selten zu Besuch. Aber dann genießen es alle um so mehr. Hannes freut sich, seinen Opa wieder einmal ganz für sich allein zu haben. Sie setzen sich auf eine Bank und schauen in den Himmel.

„Opa, diese große weiße Wolke da oben sieht aus wie ein riesengroßes gefährliches Ungeheuer!“

„Wenn du lange genug hinschaust, siehst du, wie sich das gefährliche Raubtier verändern wird“, meint der Großvater.

„Als ich so klein, entschuldige, so alt war wie du, habe ich oft Wolken am Himmel beobachtet und mir Geschichten dazu ausgedacht. Fällt dir dazu auch eine Geschichte ein?“

Hannes muss nicht lange überlegen: „Das gefährliche Raubtier frisst alles auf, was ihm in den Weg läuft: kleine Schäfchenwolken, Kamelwolken, Fischwolken und -Kinderwolken“, erzählt er mit bedrohlich wirkender Stimme.

„Kinderwolken?“, der Großvater ist verwundert.

„Ja, guck doch mal Opa, diese Wolke da oben sieht aus wie ein Kind, das davonläuft.“

„Stimmt, jetzt sehe ich das Kind auch! Meinst du es kann dem gefährlichen Ungeheuer entkommen?“

„Es versucht jedenfalls davonzulaufen. Es rennt und rennt – und kommt irgendwie doch nicht vom Fleck.“ erklärt Hannes aufgeregt.

„Das kenne ich aus Träumen“, berichtet der Großvater.“ Man versucht davonzulaufen, aber die Füße sind wie aus Blei. Man kommt nicht voran.“

„Du kennst das auch Opa? Ich hab das auch schon geträumt. Ganz schön blöd, so ein Traum!“

„Klar kenne ich das, Hannes. Aber das Beste an diesen Träumen ist, dass man doch aufwacht, wenn es am brenzligsten ist.“

„Ja Opa, aber dann bin ich manchmal ganz nass geschwitzt und mein Herz klopft wie wild!“, gesteht Hannes.

„Da geht es mir genau so, Hannes. Und weißt du, was ich dann mache? Ich taste nach der Oma und kuschle mich vorsichtig an sie. Dann geht´s mir gleich wieder besser.

Hannes lacht. „Weißt du, was ich dann mache? Ich rufe nach Mama. Meistens fragt sie mich dann, ob ich mit zu ihr ins Bett möchte.“

„Und, tust du das dann?“

„Ja, aber das darfst du nicht weitererzählen, Opa. In der Schule würden sie mich auslachen. In meinem Alter geht man nämlich nicht mehr zu Mama ins Bett, weißt du.“

„Kein Wort werde ich davon verraten! Großes Pfadfinderehrenwort!

Soll ich dir auch ein Geheimnis verraten, Hannes?“, Großvaters Stimme klingt geheimnisvoll, „Die Oma weiß das auch nicht. Die wacht nämlich gar nicht auf. Ich glaube, die würde mich auch auslachen. Ein alter Opa, der Angst im Bett hat!“

Hannes lacht. Jetzt hat er mit Großvater ein Geheimnis.

„Ja, du bist schon ganz schön alt, Opa. Denkst du manchmal daran, sterben zu müssen?“

Jetzt lacht der Großvater. „Na, du stellst Fragen, Hannes. Weißt du, für dich bin ich schon sehr alt, aber wenn man selbst älter wird, dann kommt einem das gar nicht so alt vor. Man meint immer, alles Vergangene war doch erst gewesen. Das Leben geht so schnell vorbei.
Die Erinnerungen aus der Kindheit, die Schulzeit, die schönen Feste und Ereignisse wie die Geburt deiner Mutter oder die von dir und deiner Schwester. Manchmal denkt man, das war doch erst gestern gewesen!“

„Das war nicht gestern, Opa. Das ist alles schon ganz lange her!“

„Ich weiß Hannes. Ich erinnere mich daran, dass meine Oma damals auch immer so gesprochen hat. Alles sei doch erst gestern gewesen und dass sie sich noch gar nicht so alt fühle wie sie wirklich sei. Aber wenn sie dann in den Spiegel schaue, dann merke sie schon, dass eine lange Zeit vergangen sein musste. Das habe ich als kleiner Junge damals gar nicht verstehen können. Für Kinder vergeht die Zeit manchmal sooo langsam.“

„Stimmt, Opa. Wenn man zum Beispiel in der Schule sitzt und darauf wartet, dass die Stunde endlich zu Ende ist. Das dauert manchmal eine echte Ewigkeit. Oder wenn man im Advent darauf wartet, dass endlich Heiliger Abend ist und man seine Geschenke auspacken darf.

Und dann ist endlich Heiliger Abend und alles ist ganz wunderschön, die Kirche das Essen, der Weihnachtsbaum und natürlich die Geschenke! Und dann ist auf einmal alles so schnell wieder vorbei! Da müsste man die Zeit anhalten können, was meinst du Opa?“

„Ja, die Zeit anhalten, das wollte ich im Leben auch schon sehr oft, Hannes. Aber leider geht das nicht. Jetzt würde ich sie auch gerne anhalten. Mit dir im Wald, Wolken anschauen und erzählen. Wie schön das jetzt ist!“

„Oh ja, Opa, ich finde das jetzt auch ganz toll. Und ich hab dich ganz für mich allein. Du verstehst mich einfach! Mit dir kann man sich wirklich gut unterhalten. Halt Gespräche unter Männern, weißt du?“

„Das finde ich auch Hannes. Ich finde, dass man mit dir richtig gut philosophieren kann.“

„Photosieren? Was ist das Opa?“

„Philosophieren, Hannes. Das bedeutet zum Beispiel über die Zeit, das Leben, das Älterwerden und das Sterben nachzudenken und darüber zu sprechen. Es gibt viele berühmte schlaue Männer, sogenannte Philosophen, die das auch schon oft gemacht haben und ganze Bücher darüber verfasst haben.“

„Jetzt sind wir auch Philosophen, Opa.“

„Ja, Hannes wir sind jetzt auch Philosophen.“

Hannes greift die Hand seines Opas. Beide schweigen für einige Minuten.

Dann meint der Großvater: „Weißt du, manchmal denke ich, die Zeit ist wie diese Wolke da oben. Ein gefräßiges Raubtier, das einen das gesamte Leben über nachhetzt.“

Hannes denkt nach.

„Du Opa, es gibt doch die Möglichkeit, Raubtiere zu zähmen. So wie man auch gefährliche Tiger oder Löwen zähmen kann. Wie im Zirkus, weißt du. Dann sind sie nicht mehr so gefährlich und man kann mit ihnen sogar schöne Dinge erleben.“

„Du hast Recht, Hannes. Man muss das Zeit-Ungeheuer zähmen und die schönen Augenblicke genießen. Weißt du, dass schon vor langer langer Zeit, im Mittelalter vor ungefähr 600 Jahren, die Menschen so ähnlich gedacht haben wie du? Dann feierten sie oft tage- und nächtelange Feste. Sie nannten das damals „Carpe Diem“, das heißt so viel wie „Pflücke den Tag“ oder „Genieße den Augenblick“. Du bist halt ein richtiger Philosoph, Hannes!“

Hannes ist glücklich. Wieder schweigen beide für einige Minuten.

„Aber wir haben ganz das Ungeheuer am Himmel vergessen. Frisst es jetzt die Kinderwolken oder sind sie davongekommen?“, fragt der Großvater.

Opa und Hannes schauen in den Himmel.

Plötzlich sagt Hannes: „Ich glaube, das Ungeheuer hat sich verwandelt, Opa. In einen Hund, einen Begleithund. Ich glaube, es begleitet die Kinder nun und beschützt sie, damit ihnen nichts passiert.“

Vereinzelt fallen Schneeflocken vom Himmel. Der aufkommende kalte Wind wirbelt sie durcheinander. Opa und Hannes ziehen ihre Jackenkrägen hoch und machen sich auf den Heimweg.

„Ich freu´ mich schon auf einen heißen Tee und die leckeren Weihnachtsplätzchen, die Oma bestimmt gebacken hat!“, meint Opa.

„Und dann zünden wir die Adventskerze an“, ergänzt Hannes.

„Ja, und morgen, morgen werden wir im alten Steinbruch nach Versteinerungen suchen“, kündigt Opa an.

Hannes ist glücklich.

 

Birgit Gröger, im Advent 2015

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