Von Whirlpools, Winterschlaf und Weihnachten

11. Dezember

11. Dezember

Ein Stein im Advent

Die ersten Schneeflocken des Jahres haben mich immer fasziniert. Als ich noch am Flussufer lebte, fielen sie direkt auf mich und meine steinernen Kollegen und das kitzelte so schön. Wir alle fühlten uns erfrischt, etwa so wie das bei den Menschen ist, wenn sie ein Bad im Whirlpool genommen haben – zumindest entnehme ich das den Erzählungen meiner Schreibkraft. Blieb der Schnee liegen, dann verschwand ich manchmal unter einer weißen Decke. Kalt war mir nie, sondern ganz wohlig und ich schlief oft einige Tage, so wie die Tiere, die Winterschlaf halten.

Am Ufer

Am Ufer

Wenn ich nicht unter meiner kuscheligen Schneedecke steinte, nahm ich sonderbare Dinge wahr: Tannen, Fichten und Kiefern in meiner Gegend verschwanden von heute auf morgen, Kinder bauten Gestalten aus Schnee, rodelten mit dem Schlitten an mir vorbei und redeten über eine Angelegenheit namens Weihnachten. Es musste etwas sehr Gewichtiges sein, denn immer, wenn sie das Wort aussprachen, schwang ein freudiger Unterton mit und ein Hauch von Geheimnis. Ja, bei diesem Weihnachten musste es sich zweifellos um etwas ganz Tolles handeln. Mehr wusste ich lange Zeit nicht.

LiLALichter

LiLALichter

Als ich dann bei meiner Schreibkraft einzog und der Dezember herbeikam, staunte ich nicht schlecht. Die ganze Wohnung wurde in lila und weiß geschmückt, überall hingen kleine Glöckchen und Abbilder lustiger Schneemänner, ganz wie die der Kinder, die ich gesehen hatte. Jeden Morgen öffnete sie ein „Türchen“ in einem bunten hängenden Etwas und daraus kamen Pralinen hervor. Dann unterhielt ich mich mit ihrem Buch „Der Männer-Backomat“ und hörte, was ein Adventkalender war. Das ist schon eine tolle Sache: Man feiert jeden Tag die eigene Vorfreude, bis es dann am letzten Tag des Kalenders ein großes Fest gibt, an dem es einen Haufen Geschenke gibt. Außerdem isst man köstliche Sachen, kommt mit der ganzen Familie zusammen, singt Lieder und liest Geschichten vor. Ja, dieses Weihnachten war etwas für mich, das war mir schnell klar.

Allerdings merkte ich bald, dass meine Schreibkraft gar nicht so vorfreudig war, wie ich erwartet hatte. „Das liegt an dem ganzen Stress“, erklärte sie mir. Damit meinte sie aber nicht die eilige Suche nach Geschenken für alle Lieben: „Der Dezember ist wegen der Feiertage ein kurzer Monat, Keith. Da muss man genauso viel schaffen wie sonst auch, aber man hat dafür nur gute drei Wochen Zeit.“ – Das leuchtete mir ein. Aber es schien mir doch bedauerlich. Inzwischen hatte ich das Wort Besinnung gelernt und musste feststellen, dass es in den Geschäften, durch die meine Schreibkraft im Eiltempo rannte, und bei ihrer Arbeit gar nicht so besinnlich zuging. Statt vorweihnachtlicher Gemütlichkeit gab es berufliche Deadlines, statt Festtagsvorfreude adventliche Hektik und selbst auf den Weihnachtsmärkten wurde viel über das allgemeine Gedränge und Geschubse geschimpft.

Weihnachtskrippe

Weihnachtskrippe

Ich war nun ein wenig enttäuscht und fragte meine Schreibkraft, wieso man dieses hübsche Fest eigentlich erfunden hätte, wenn es doch vorher alles so stressig war. Daraufhin erklärte sie mir, dass man es nicht einfach so abschaffen könnte, weil es eine über 2000 Jahre alte Tradition gäbe, Weihnachten zu feiern. Ui, 2000 Jahre sind selbst für jemanden, der so steinalt ist wie ich, eine ziemlich lange Zeit. Also erkundigte ich mich, wie es zu dieser festlichen Angelegenheit denn überhaupt gekommen sei. Nun erfuhr ich allerhand über ein Baby, das in ärmlichen Verhältnissen geboren wurde, einige Tiere, drei weise Herren und einen Stern. Plötzlich kam mir die Sache mit dem guten Essen gar nicht mehr so entscheidend vor – was zugegebenermaßen bei mir durchaus etwas heißen will, denn ich esse leidenschaftlich gerne. Aber eigentlich ging es bei dieser Weihnachtssache doch offenbar darum, an etwas zu glauben, ärmeren Menschen etwas abzugeben und ein gewisses Vertrauen zu haben, dass alles gut wird. Ich fragte meine Schreibkraft, ob die Menschen das vielleicht vergessen hätten, weil es so lange her wäre. Sie machte ein ratloses Gesicht und setzt sich wieder an ihren Schreibtisch, schien nach unserem Gespräch aber nicht wirklich konzentriert zu arbeiten.

Am Abend dieses Dezembertages drehte sie die Weihnachtsmusik laut auf und hängte eine Weile den Kopf aus dem Fenster, sodass sie ganz viele Schneeflocken auf den Haaren hatte, als sie wieder zum Vorschein kam. „Weißt Du, Keith – den Stress vor Weihnachten wird man nicht abschaffen können. Aber vielleicht muss man nicht immer eine große und endgültige Lösung für die Dinge finden, sondern sich einfach kleine Momente der Besinnung nehmen, um sich zu erinnern, wieso man sich die Hektik antut“. Dann griff sie nach einem hübsch anzusehenden Buch und las mir eine Geschichte von einem gewissen Michel vor, der den Kopf in eine Suppenschüssel steckte und nicht mehr herauskam. Ich kannte die Geschichte schon, denn sie guckt sich jedes Jahr an Heiligabend eine Verfilmung davon an und ich schaue natürlich mit. Aber das wollte ich ihr nicht sagen. Sie sah beim Lesen so entspannt und vorfreudig aus …

Weihnachts-KEITH

Weihnachts-KEITH

Ich wünsche Euch allen frohe Festtage – und bitte die kleinen Momente der Besinnung nicht vergessen!

 

Euer Stein Keith

 

Yvonne Pioch, im Advent 2015

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