Die Suche

10. Dezember

10. Dezember

Was ist Weihnachten und wo finde ich Weihnachten? Ich mache mich auf die Suche. In unserem kleinen Städtchen muss es doch zu finden sein! Wo versteckt sich dieses Weihnachten, von dem plötzlich alle reden?

Heute ist Markttag und ich weiß, da kommen viele Leute hin. Dort werde ich bestimmt jemanden treffen, der mir hilft, Weihnachten zu finden.

Beim Stand des Bio-Bauern, der sein selbst angebautes Gemüse und die Eier von überaus glücklichen Hühnern preist, treffe ich auf zwei Frauen. Sie stehen direkt vor mir in der Warteschlange.

„Ach, ich wollt‘ des wär‘ schon alles wieder vorbei. Die ganzen Feiertage. Der pure Stress. Die Einkäufe, die Schlepperei! Und dann die Backerei und die Kocherei ! Mein Bub‘ ist Vegetarier, mein Mann hat Zucker, der große Enkel isst kein Gemüse und der kleine zahnt gerade! Ich weiß noch gar nicht, was ich an Weihnachten kochen soll“, jammert die eine der beiden Frauen. „Ja, das geht mir genauso. Und der ganze Stress fängt schon im November an. Da zerbreche ich mir den Kopf, wem ich was schenke. Und alles ist so teuer geworden. Für zwanzig Euro kriegt man ja nix mehr. Dabei waren das mal vierzig Mark. Früher hat man dafür schon etwas Gescheites bekommen. Ich weiß dieses Jahr nicht, was ich schenken soll. Meine Kinder arbeiten in Frankfurt und verdienen beide gut. Die kaufen sich alles, wenn sie etwas brauchen. Mein Mann und ich schenken uns schon seit langer Zeit nix mehr. Wenn wir was brauchen, kaufen wir es uns“, erwidert die andere der beiden Frauen. Da mischt sich ein älterer Herr in das Gespräch: „Weihnachten braucht doch heute keiner mehr. Das ist nur noch was für Kinder.“

Aha, denke ich, ich muss die Kinder fragen, wo ich Weihnachten finde und mache mich, nachdem ich meine Einkäufe in meinen großen Korb verstaut habe, erst einmal zum Bio-Fleischer. Der kennt jede Kuh und jedes Schwein mit seinem Namen und auf großen Tafeln steht, der Name, der Tag an dem das Tier geboren wurde, wie schwer es war und wann er es getötet hat. Große Fleischbrocken liegen in der Auslage und ich frage mich gerade, ob die dicke Keule von Bulle „Max“ oder „Hansi“ ist, als der Herr neben mir, mit dem rotgesichtigen Fleischermeister die Frage diskutiert, ob man Weihnachten zuhause verbringt oder in die Ferne fliegt.

Für den Fleischer ist die Frage klar zu beantworten. „Ei ich kann nicht weg! Ich muss sowieso das Vieh füttern und gerade vor Weihnachten habe ich Hochbetrieb. Da kommen die meisten Bestellungen rein und jeder will zum Fest das beste Stück. Zur Weihnachtszeit und zu Ostern mache ich die besten Geschäfte.“

Der Herr neben mir, nickt verständnisvoll mit dem Kopf. „Seit meine Frau gestorben ist, bin ich ganz alleine. Kinder habe ich keine. Was soll ich an Weihnachten alleine zuhause? Deshalb fliege ich noch vor dem 1. Advent in Langzeiturlaub in die Türkei. Da zahle ich für sechs Wochen „All inklusive“ noch keine 1.500 Euro, werde verwöhnt nach Strich und Faden, spare daheim die Heizung und den Strom. Das mache ich schon seit fünf Jahren und treffe dort immer die gleichen Leute. Wir sind schon eine lustige Truppe und an Weihnachten gibt es sogar Champagner umsonst. Dann lassen wir es uns so richtig gut gehen“.

Okay, denke ich. In die Türkei werde ich nicht fliegen, um Weihnachten zu finden und der Fleischer scheint auch nicht genau zu wissen, wo Weihnachten ist. Jetzt laufe ich noch schnell an der Schule vorbei. Dort dürfte jetzt Schulschluss sein und ich treffe bestimmt einige Kinder, die wissen, wo Weihnachten ist.

Zwei flippig bekleideten Mädchen begegne ich zuerst. „Entschuldigt bitte, aber könnt ihr mir bitte mal sagen, was Weihnachten ist?“ Ungläubige Gesichter schauen mich an. „Wollen sie uns veräppeln?“ fragt das Mädchen mit den zerrissenen Jeans. „Nein! Ich möchte von euch nur wissen, was Weihnachten ist“, versuche ich es erneut.

Das Mädchen mit den kohlrabenschwarz geschminkten Augen schaut mich aus diesen prüfend an und erklärt mir: „Weihnachten ist am 24. Dezember. Dann steht bei uns im Wohnzimmer ein Tannenbaum, den mein Vater aus dem Wald geholt hat und der von meiner Mutter mit lauter Glitzerkram behängt wird. Das ist der einzige Tag im Jahr, an dem neben Oma und Opa, auch Tante Heide und Onkel Werner uns besuchen. Der Tisch im Esszimmer wird ausgezogen, so dass wir alle Platz haben. Dann trinken wir nachmittags erst mal alle Kaffee und es gibt Unmengen an süßen Plätzchen, die meine Mutter schon wochenlang vorher gebacken hat. Meistens sind wir danach schon papp-satt. Aber meine Mutter kennt kein Erbarmen. Spätestens um sechs kommt die Gans auf den Tisch. Mein Vater zerteilt das arme Vieh mit einem großen Messer in Einzelteile und dann beginnt die Zankerei. Jeder will eine Keule haben, Onkel Werner will Kartoffeln und keine Klöße und Opa zankt sich mit meiner Mutter, dass es schon wieder Gans gibt, die er nicht kauen kann, weil sein Gebiss das nicht aushält. Den Rotkohl mag ich nicht und spätestens, wenn Tante Heide dann keift, dass die Soße eine einzige Pampe ist, stehe ich auf und verschwinde auf mein Zimmer. Ich zieh‘ mir dann die Kopfhörer auf und höre Musik. Irgendwann kommt dann meine Mutter und holt mich, damit ich meine Geschenke auspacke. Aber nie bekomme ich das, was ich mir gewünscht habe. Sollen sie die Geschenke doch ganz lassen, wenn ich immer etwas bekomme, das ich nicht haben will. Also ich finde Weihnachten blöd.“

Das Mädchen mit den zerrissenen Jeans erklärt mir, dass ihre Eltern geschieden sind und ihr Vater eine Neue hat. Ihre Mutter arbeitet als Krankenpflegerin im Krankenhaus und macht immer den Nachtdienst, weil sie dann mehr verdient. Am Tag schläft sie dann natürlich und an Weihnachten ist das auch so. Aber sie bekommt an Weihnachten von ihrer Mutter ganz viele, in buntem Papier verpackte Geschenke, die sie – bevor die Mutter zum Dienst geht – auspacken darf. Sie trinken dazu eine Tasse Kakao mit Sahne und essen Käsebrötchen dazu. Das ist immer ein besonderer Tag, dieser 24. Dezember. Ihren Vater hat sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.

Ich bedanke mich bei den beiden und habe das Gefühl, dass ich immer noch nicht genau weiß, was Weihnachten eigentlich ist. Auf dem Heimweg komme ich am Kindergarten vorbei. Zwei kleine Knirpse stehen am Zaun und warten wohl sehnsüchtig darauf, dass sie abgeholt werden. „Sagt mal ihr zwei, könnt ihr mir mal sagen, was Weihnachten ist“, frage ich die beiden.

Die Kinderaugen fangen an zu leuchten und zwei Plappermäuler reden aufgeregt auf mich ein: „An Weihnachten gibt es überall Kerzen und bunte Lichter und ich darf ganz viele Süßigkeiten essen. Außerdem bekomme ich Geschenke. Ich schreibe immer einen ganz langen Wunschzettel, den die Mutti dann irgendwann mit zum Christkind nimmt. Und an Weihnachten liegen ganz viele Päckchen für mich unter einem Baum im Wohnzimmer. Ich muss aber erst ein Gedicht aufsagen und alle müssen ein Lied singen, bevor ich die Päckchen auspacken darf. Auch meine Mutti und mein Papa packen Geschenke aus, die unter dem Baum liegen. Und am nächsten Tag fahren wir dann alle zu Oma und Opa und dann gibt es wieder Naschereien und Geschenke“, erklärt mir der Knirps mit den lustigen Sommersprossen.

Auch der andere kleine Junge plappert fröhlich auf mich ein und erzählte mir, dass er an Weihnachten ganz bestimmt vom Christkind ein Handy bekommt. Er habe extra nur das Handy auf den Wunschzettel geschrieben, damit das Christkind gar keine anderen Wünsche findet, die es erfüllen kann.

Eine letzte Frage habe ich noch an die beiden: „Könnt ihr mir denn mal verraten, wer das Christkind ist? Die beiden sind plötzlich ganz still und schütteln ihre Köpfe. Nein, sie haben das Christkind noch nie gesehen und kennen es auch nicht. Aber es muss ganz bestimmt ein sehr netter und guter Mensch sein!

 

Brigitte Wilke, im Advent 2015

Gemeinsam mit Franziska von Schleyen hat sie ein Geschenkebuch „Momentum – Gestrandete Geschichten“ herausgegeben.

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