Die Weihnachtsgedanken

6. Dezember

6. Dezember

Eines schönen Adventsabends irgendwann im Dezember saß der kleine Engel Kasimir auf dem Fenstersims seines Zimmers und starrte in die kalte Nacht. Hier oben im Himmelsdorf, roch es bereits überall nach Zimtsternen und saftigem Pfefferkuchen.
Allerdings konnte selbst die prächtigste Weihnachtsstimmung Kasimir nicht recht anstecken. Er war bockig. Während sich seine Engelsgeschwister kurz vorm ersten Advent aufgemacht hatten, um weihnachtliche Vorfreude auf der Erde zu verbreiten, hockte er zurückgelassen auf seiner Fensterbank und fühlte die ganze Ungerechtigkeit im Reif seines Heiligenscheins. Kasimir hatte Hausarrest.

Ausgerüstet mit Feder und Tinte, begann er damit seine Gedanken auf ein Blatt feinstem Engelshaarpapier zu bringen, um Dampf abzulassen.
›Na himmlische Grütze!‹, fing er an.
›Wenn der Sommer gerade zu Ende gegangen ist, kann ich jedenfalls noch nicht an die Adventszeit denken. »Man muss früh anfangen, wenn man alles schaffen will«, sagen sie aber.
Ich verstehe nicht, wie man bereits im September auf die Idee kommen kann, Weihnachten zu planen. Wenn alle schon im Herbst damit anfangen Lebkuchen und Schokomänner zu kaufen, so als gäbe es nicht genug für alle, dann betrachte ich lieber die Färbungen der Blätter. Wenn sie ihre besten Winterkleidchen hervorkramen und sie so blütenweiß waschen, dass man Eiszapfen darin spiegeln könnte, mit denen sie im Dezember dann von Feier zu Feier spurten und vor lauter Terminen nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Dann sage ich: Alles ganz ganz großer Himmelsquatsch! Es geht doch um Besinnlichkeit im Advent. Jeden Sonntag wird eine Kerze mehr auf dem Adventskranz angezündet und der Adventskalender verrät, wie lange es noch dauert. Es geht um Ruhe. Um Innehalten. Um Dankbarkeit. Um Frieden. Es geht um den Vierundzwanzigsten, den Tag, dem man unglaubliche dreiundzwanzig Tage entgegenfiebert, an dem es das Wichtigste sein sollte, mit den Engeln zu feiern, die man wirklich lieb hat. Ich bin himmlischverärgert darüber, dass es dieserzeit nur noch um Aufgabenverteilung, Geschenke, Termin- und Schaffensdruck geht. Wenn man nur am Arbeiten und Werkeln ist, und nur noch damit beschäftigt ist, sich herausputzen, um von Termin zu Termin zu hetzen, dann kann man die Adventszeit doch gar nicht richtig genießen. Wer sollte da nicht bockig werden?

Ich denke, genau das hat mich in die verflixte Situation auf der Heilig-Abend-Konferenz gebracht. Und als meine Verwandten da eben so auf ihren Sesseln durcheinander redeten, platzte mir der Engelskragen. Ich schrie so laut, dass sich einige die Ohren zuhalten mussten. Ich sagte engelsungleiche Sachen, die ich am liebsten rückgängig machen würde. Aber jetzt ist es zu spät. »Ausgesprochen ist ausgesprochen, wie im Himmel, so auf Erden«, haben sie gesagt. »Du sollst etwas Zeit bekommen, um über all das nachzudenken«, haben sie gesagt. Tja, und da sitze ich nun.‹

Der kleine Engel hielt kurz inne. ›Ich wünsche mir nichts sehnlicher zu Weihnachten als …‹ schrieb Kasimir weiter und gerade als er zu seinem Wunsch ansetzten wollte, erfasste ein unhaltbarer Windstoß das Gedankenpapier und trug es entschlossen in die Nacht. Kasimir wollte noch nach ihm greifen und wäre dabei beinahe vom Fensterbrett gefallen (es wäre nicht so schlimm gewesen!). Er sah dem Papier noch nach und wie es sich ein paar Mal überschlug, bis er es nicht mehr sehen konnte und von der Himmelsdecke verschluckt wurde.
»Himmelpotzblitz!«, fluchte Kasimir und pustete mit grimmiger Miene den Engelsstaub in die Atmosphäre, um den Sternen Funkelglanz für die Nacht zu verleihen, wie es ihm seine Engelsverwandten als Konsequenz für sein Verhalten aufgetragen hatten. Dann legte er sich ins Bett, noch schlechter gelaunt als er es ohnehin schon war . ›Jetzt wird sich niemals etwas ändern‹ dachte er noch, dann schlief er ein.

Was Kasimir nicht im Entferntesten geahnt hatte: Der Zettel mit seinen Weihnachtsgedanken war überhaupt gar nicht verloren gegangen.
Er hatte das Firmament der Nacht nur kurz geküsst und war anschließend geradewegs ins Haus des Christkinds geflattert. Dort hatte sich das Papier entblättert und bot sich strahlend dem Christkind dar. Das hatte, ganz aufgewühlt von Kasimirs Wahrheit, die Gedanken weihnachtswichtig genommen und war noch in derselben Nacht äußerst geschäftig damit beschäftigt, die Gedanken des kleinen Engels zum Leben zu erwecken.
Die Nachtschicht verbrachte das Christkind an seinem Tengelfon und ersuchte jeden einzelnen seiner Engelsmitarbeiter auf der Erde mit der Nachricht, schnellstmöglich in den Himmel zurückzukehren, um einer außerordentlichen Konferenz beizuwohnen.
Die Engel staunten nicht schlecht, als sie sich nach und nach im Weihnachtswolkenzimmer versammelten und den Worten des Christkinds lauschten: »Kriegt euch nicht in den Heiligenschein. Haltet lieber zusammen. Ich werde euch für dieses Jahr und ab sofort die restlichen Tage der Adventszeit frei geben. Ihr sollt erfahren, wie man sie gemeinsam und ohne Verpflichtungen verbringen kann. Die Menschen schaffen es in diesem Jahr sicher auch ohne eure Unterstützung.«
Erst als das Christkind mandelfest versprach, dass es sich dabei nicht bloß um eine fixe Idee handelte, während es einen Zettel in die Höhe streckte, und wolkenbruchfest versicherte dass es seine Ankündigung glühendernst meinte, konnten die Engel es allmählich glauben. Alle fielen sich voll vorweihnachtlicher Freude in die Arme und ließen das Christkind jubelnd hochleben. Nur Kasimir stand zurückhaltend etwas abseits seiner Verwandten und verschränkte seine Flügel.
»Das ist mein Papier!«, murmelte er leise vor sich hin.
»Es sind die Gedanken eures Kasimirs«, rief das Christkind plötzlich, so als hätte es die Worte des kleinen Engel vernommen. »Er hatte die Idee mit der stressfreien Vorweihnachtszeit und vor allem wünscht er sich nichts mehr als«, das Christkind unterbrach sich für einen kurzen Moment »als dass ich mich wieder mit meiner Familie vertrage!«
»Aber«, stammelte der kleine Engel und schwebte über die Köpfe seiner Geschwister zum Christkind »ich wurde mittendrin unterbrochen. Ein Windstoß hat mir das Papier entrissen, während ich meinen Wunsch formulierte und…« Kasimir war verwirrt. »Wie kann es sein, dass es bei dir aufgetaucht ist?«
»Wusstest du denn nicht, dass alle Wünsche bei mir landen?«
»Aber ich habe meinen Wunsch doch gar nicht zu Ende geschrieben«, sagte Kasimir, wedelte mit seinen Flügeln und rückte seinen Heiligenschein zurecht. Das Christkind schüttelte den Kopf.
»Das musst du auch nicht. Manchmal helfen allein die Gedanken. Oder die unausgesprochenen Wünsche, Kasimir. Du hast gute Absichten. Das genügt.«

Im Weihnachtswolkenzimmer war es plötzlich ganz still geworden. Und ganz zaghaft, wagte sich ein Engel nach dem anderen zu Kasimir, um ihn zu umarmen.
»Komm, wir vertragen uns wieder!«, flüsterten sie ihm ins Ohr. Und der kleine bockige Engel, der nun gar nicht mehr als der Bockige galt, war zu dem Engel geworden, der dem Weihnachtsfest den Frieden und die Ruhe zurück gebracht hatte, die es braucht. In diesem Jahr und für alle Zeit.
Und wenn sich heute der Himmel rot färbt, dann weiß man, dass sich die geschäftigen Weihnachtsvorbereitungen der Engel in Wohlgefallen aufgelöst haben und sich alle freuen, einander zu haben.

 

Jennifer Hilgert, im Dezember 2015

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