Verfolger im Nebel

Bäume im Nebel

Bäume im Nebel

Seit Tagen war Grau die vorherrschende Farbe des Rhein-Main-Gebietes. Der Nebel lag zäh über dem Land und nahm der Umgebung jedwede Farbe. Das Dorf wirkte bleiern und die Bäume finster. Nur selten schaffte es ein Sonnenstrahl, diese zähe Masse zu durchdringen.

„Ich hoffe diese Nebelphase ist bald vorbei“, dachte Maria und streckte sich, sodass ihre Knochen knackten. „Von morgens bis abends in Grau gehüllt. Das macht auf die Dauer den glücklichsten Menschen depressiv.“

Schnell steckte sie einen Kopfhörer in ihr rechtes Ohr, wählte aufmunternde Musik auf ihrem Handy aus und joggte los, bevor ihre Lust auf den allmorgendlichen Sport verflog. In den Monaten vor Weihnachten versuchte Maria, jeden Morgen zu laufen, sodass sie an den Feiertagen ungeniert von allem reichlich essen konnte, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Die Strecke war immer die gleiche. Runter zum Rhein und dann fünfzehn Minuten in eine Richtung laufen, um dann auf demselben Weg nach Hause zurück zu kehren.

Nach etwa fünf Minuten ihrer Wegstrecke begann das Naturschutzgebiet und große Bäume säumten ihre Route. Der Nebel hing dichter als sonst über dem Wasser und verteilte sich wabernd ringsherum. Sie beschleunigte ihre Schritte, um schneller ins Schwitzen zu kommen, denn ihre Kleidung war bereits klamm und es fröstelte sie. Zu dieser frühen Stunde war außer ihr noch keiner unterwegs.

Nach der Hälfte ihrer Stecke hörte sie auf einmal Schritte hinter sich. Jemand lief ihr hinterher, verfolgte sie. Verwundert blieb Maria stehen, zog den Ohrstöpsel, aus dem gerade „Walking on Sunshine“ dröhnte, heraus und blickte sich um. Die Schritte stoppten und Stille kehrte ein. Angestrengt versuchte Maria eine Peron in dem dichten Nebel auszumachen, doch sie sah in allen Richtungen nur eine dichte, farblose Wand. Ihr Herz schlug bis zum Hals und sie keuchte vor Anstrengung, was ein Horchen auf Umgebungsgeräusche unmöglich machte. Langsam bewegte sie sich auf die Stelle zu, an der sie die vermeintlichen Schritte gehört hatte. Eine Gänsehaut überzog ihren Rücken, als sie jemanden schnell und angespannt atmen hörte. Sie kam näher und vernahm auf einmal ein leises Winseln.

„Hallo? Ist da jemand?“, frage Maria ins Leere. Ihre Stimme wurde von dem dichten Nebel erstickt.

Nebel ohne Hund

Nebel ohne Hund

Plötzlich schoss ein dunkler Schatten auf sie zu. Maria schrie auf und wich ein paar Schritte zurück. Es war ein kleiner schwarzer Hund mit flauschigem Fell. Er wirkte sehr jung und sprang erwartungsvoll an ihrem Bein hoch. Sein Kopf reichte gerade so an ihre Wade heran.

„Na, wer bist du denn?“, fragte sie den kleinen Hund und hielt ihm vorsichtig ihre Hand hin. Überschwänglich begann er, ihre Hand zu beschnuppern und leckte sie ab, bevor er dazu überging, an ihrem Zeigefinger zu knabbern. Da der kleine Racker ein Halsband mit Marke trug, würde es nicht schwierig sein den Besitzer ausfindig zu machen.

 

Katharina Stein, im November 2015

Fotos: Katharina Stein

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