Nebel 2015

an der golden gate bridge

an der golden gate bridge – Foto Jenniffer Hilgert

an der golden gate bridge

ich dachte, ich lief befreit vom enggeschnürten gurt der masse, folgend deinem ruf,
den pass hinauf. als ich früh am morgen glaubte, ich sei allein mit dir hier oben, erkannte ich, es gibt noch mehr. wir sind zusammen, der grund bist du, auf der
empore sind wir gleich. ich stiert erst selig mit den andern. sah dich an, aus der perspektive eines kastens und lichtete dich mit mir darin. dann wechselte ich
die sicht auf dich, gleich dreimal, wobei du nur starr und stumm mit dir da unten stehenbliebst. keine spur von interesse, kein wechselspiel, kein ich, kein du. nichts
übrig von dem was zauber kann. und eigentlich, so wie gedacht, sah ich dich an. und sah dich eigentlich nicht. während den anderen längst der geformte blick auf dich genügte, schenktest du mir einen moment, und das umsonst, für eine weile.

berührt, fast in mir leer, zutiefst gebannt, verpasste ich den abstieg dann,
blieb neben mir. und saß. wurzelte, wer weiß wie lang, und tiefe trauer
lehnte sich in mir zurück, schob mein herz in deine richtung, verwischte
alle spuren, und versetzte mich in eine neue haut. ich empfing die tränen,
ließ sie an mir perlen, folgte ihren bahnen und begann damit mich einfachen

Fragen hinzugeben. jetzt bin längst nicht mehr die neue, erstrecht dieselbe nicht.
du brachtest mir den takt zurück. erreichtest mich. mit einem glockenschlag. in einer zeit, die immer rennt. ich fand bei dir die luft zum sehen und was sich sonst noch tief in mir bewegte. es bebte. erst still. dann laut.
dann blieb es da. das beben, bebte, bebte.

jetzt liegt sie vor dir, sprach mein auge. ich bin es, der betrachter, in dem das sehen liegt. und du liegst verborgen. dich sehen nicht alle. trägst du deswegen deinen
schleier? viele führst du jahr um jahr, an dich heran und deinem abgrund nah,
sie hangeln sich an deiner wand entlang. sie brüsten sich mit deinem versteck,
und halten selbst doch stets die hand davor. Blitz! Weiß! sie erschrecken dich, ersuchen deinen schleier zu durchdringen. und was bleibt, ist nicht mal ein mattglänzender fetzen polaroidpapier. es erstreckt, was schwach an deinem abhang tanzt, vorzüglich sich auf Bildschirmen, mit ein paar likes empor. doch wir trafen uns wo himmel und meer ihr ende finden und du verdeckst die sicht. nicht vollkommen, aber stets auf mehr. eine gesellschaft, die im nebel steckt, sieht das wesentliche wahrlich nicht.


Wer sich diesen Text, gesprochen von der Autorin, anhören möchte, schaue bitte hier.


 

Jennifer Hilgert, im November 2015

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