Nebel über der Lagune

Costa Delicatus

Costa Delicatus

Als ich aufwache und wie jeden Morgen den Vorhang vor der Balkontür zurückziehe, sehe ich nur das Meer. Hinter den Wellen, die heute nicht selbstbewusst wie noch gestern gegen das Schiff schlagen, sondern sanft, fast liebevoll, die Costa Deliziosa umschlingen, erblicke ich eine Nebelwand. „Wie man sieht, sieht man nichts“, pflegte mein Mathe- und Physiklehrer immer zu sagen. Wie seltsam, dass er mir gerade jetzt einfällt, denn nie habe ich mich so fernab der Zivilisation, der Vergangenheit, der Alltäglichkeit gefühlt. Es gibt nur noch dieses Schiff und dieses Meer, alles andere ist unwichtig geworden, buchstäblich im Nebel versunken.

Und doch: Hinter dieser Nebelwand liegt Venedig. Ich weiß es genau, denn das Schiff soll in weniger als einer Stunde anlegen, zum letzten Mal anlegen. Schon gestern Abend, als wir den Hafen von Split, unserer letzten Urlaubsdestination verließen, erklang auch zum letzten Mal die Hymne Con te partiro (Time to say Goodbye) von Andrea Bocelli. Heute Nacht um 1 Uhr wurden unsere Koffer unter lautem Gerumpel bereits abgeholt. Ich wollte schon meine Stiefel rausstellen, weil es so viel Lärm machte wie früher der Nikolaus im Treppenhaus. Aber dann wäre es mir womöglich so gegangen wie der Frau, die laut der freundlichen Dame von der Costa-Ausschiffungsveranstaltung neulich ohne Schuhe von Bord gehen musste, weil sie eben diese versehentlich in den Koffer gepackt hatte.

In wenigen Minuten werden wir nun also unsere Kabine verlassen, mit unserem Handgepäck, das wir gerade eilig zusammenpacken. Unsere Schuhe sind noch da und wir haben sogar daran gedacht, uns Kleidung für die Rückreise zurückzulegen, und müssen nun nicht im Schlafanzug durch Venedig spazieren. Auch das, sagt die Costa, soll schon vorgekommen sein. Ob es in Venedig überhaupt auffallen würde? Man könnte sich gewiss einfach eine Maske dazu kaufen und sagen, es sei ein Outfit. Hauptsache die Stiefel sind da, denn die brauchen wir zum Weglaufen, falls uns wieder entweder eine Wespe verfolgt (oh Venezia, wie bist Du sommerlich) oder alternativ einer dieser Kellner, die uns Touristen in den Gassen auflauern und in allen Sprachen von Englisch über Französisch bis hin zu gänzlich unverständlichen Dialekten unbedingt in ihr Restaurant einladen wollen. Auf dem Hinweg habe ich einem dieser aufdringlichen Kerle meinen finstersten Blick zugeworfen. Beinahe entschuldigend hat er die Augenbrauen hochgezogen und uns „Hey, this is Venice!“ hinterhergerufen.

Dabei ist Venedig gar nicht lästig und anhänglich. Nur seine Kellner sind es und gelegentlich auch die Gondoliere. Im Reiseführer hatte ich den Eindruck gewonnen, dass die Touristen Schlange stehen müssten, um tatsächlich für etliche Euronen einen Platz in einer der Gondeln zu ergattern. Die Wahrheit ist weniger malerisch: Die Gondoliere sprechen einen auf den Brücken an: „Sir, Ma’am, you wanna ride?“.

Venezianische Nebelschwalben

Venezianische Nebelschwalben

Als wir unser geliebtes Schiff schließlich verlassen, nehmen wir keine Gondel, sondern eins der Wassertaxis zum Markusplatz. Auf dem Hinweg haben wir diese berühmte Piazza, die sich aufgrund ihrer Größe als einzige in Venedig so nennen darf, nämlich nicht gefunden. Im Gewirr der Gassen schienen sich die Pfeile zur P. San Marco zu widersprechen und schließlich gaben wir auf – wir wollten ja noch pünktlich zur Rettungsübung auf der Deliziosa eingeschifft werden. Auch heute haben wir nicht unendlich viel Zeit, uns im labyrinthartigen Venezia zu verlieren, denn der Flixbus geht am Nachmittag sonst ohne uns nach Deutschland zurück.

Taubendinner

Taubendinner

Noch vor dem Mittags-Glockenschlag erreichen wir nun die bekannte Piazza und fotografieren neben Italiens ältestem Kaffeehaus Florian (mit leider nicht gar so antiken Preisen) die berühmtesten Tauben der Welt. Ich lache über die Touristen, die sie tatsächlich füttern (was verboten ist und laut Reiseführer zu hohen Geldbußen führen kann) und auf die Hand nehmen. Ich bin mir sicher, dass sie die Tauben in ihrer eigenen Heimat weit weniger liebevoll behandeln. Wie oft sehe ich Leute in Frankfurt nach ihnen treten oder Kinder sie im Park hetzen. Als Krankheitsüberträger gelten sie und nicht als Friedenssymbol. Arme Tauben, ich mag sie gern. Aber streicheln muss ich sie trotzdem nicht. Auch nicht die kesse Möwe, die sich als Meeresbote heimlich unter die Tauben gemischt hat und ihren Teil von den Krümeln zu erhaschen hofft. Da halte ich mich lieber an mein Souvenir: Cockerspaniel Susi aus dem Disney-Film „Susi und Strolch“. Ja, Venedig hat neben seinen anderen Vorzügen auch einen Disney-Store. Und hier in Italien heißt Susi nicht Susi, ebenso nicht wie im Original Lady, sondern Lilly. Hund hat es auch nicht leicht.

Venezianischer Nebellöwe

Venezianischer Nebellöwe

Der Nebel hat sich inzwischen gelichtet und so können wir weder die Uhrzeit noch die Bushaltestelle ignorieren. Am Flixbus erhaschen wir einen letzten Blick auf die Costa Deliziosa. Dann beginnt sie wirklich: die Rückreise. Mit dem Internet kehren bald auch die Erinnerungen zurück, die To Dos und die Verpflichtungen in der realen Welt. Alsbald werde ich mir den Nebel zurückwünschen, die Wellen und die vorlauten Kellner in Venezia. Ciao, bella Italia, ci vediamo!

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Ein Gedanke zu “Nebel über der Lagune

  1. »Oh Venice, je t’aime mi amore«, ruft der Gondoliere aus meinen Honeymoonträumen. Er kann nämlich neben seiner Muttersprache auch englisch & französisch. Nur deutsch spricht er nicht so recht. Nicht schlimm. Ich übernehme: Köstlicher Reisebericht! Köstlich!

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