Der Meermoment

Nasse Füße - ganz schön uselig

Nasse Füße – ganz schön uselig

Los geht es mit den Füßen, aber an ihnen spüre ich die Kälte nicht so sehr. Wenn die Waden dran sind, wird es erstmals ein bisschen unangenehm. Aber ich schreite mutig voran. Uahhhh, am Bauch ist es jetzt aber ganz schön uselig. Jetzt kommt der Nacken. Igittigitt ist das kalt und nass. Dann ist es so weit: Ich tauche den Kopf unter Wasser … und da ist der Moment. Nun blicke ich mich um. Das Wasser perlt von meinen Haaren, die Sonne scheint auf meinen Kopf und ich kann den salzigen Meeresduft riechen. Hinter mir liegt ein herrlich weißer Sandstrand, auf dem einzelne Handtücher ausgebreitet sind, die Palmen wedeln im Wind und schlagartig wird mir bewusst: Ich habe Urlaub. Ich bin wirklich hier, auf dieser Insel und vor mir liegen herrliche Wochen voller Auszeit, Eis und unendlich viel Zeit.

Über diesen Meermoment habe ich früher das Urlaubsgefühl entwickelt, wenn es etwa auf die Kanaren ging. Manchmal war ich auch in Dänemark oder an der deutschen Nord- und Ostsee, wo Badetage Glückssache waren und man meist nur bis zu den Füßen ins Meer kam. Dann brach sich der Urlaub auf andere Weise Bahn. Er überraschte mich bei einem Apfelpfannkuchen in einer Teestube oder bei einem langen Strandspaziergang mit herrlichem Wind. Manchmal war ich tollkühn. Ich krempelte die Hose hoch, so weit es ging, blieb vornan am Strand und spritzte mir das Wasser auf Arme und Gesicht. Meine dabei nassgewordenen Klamotten würde der Wind schon wieder für mich trocknen.

Heute ist es eine Weile her, dass ich das Meer gesehen habe und sicher noch eine Weile hin, bis es wieder so weit ist. Als Selbstständige ist es schwer geworden, sich freizunehmen, geschweige denn wegzufahren. Ich sehne mich nach Meermomenten und wenn ich mich, wie jetzt, an sie erinnere, so scheinen sie mir wie aus einem anderen Leben. War das wirklich ich?

Gut behütet

Gut behütet

Es ist schwieriger geworden, die eigene Freizeit zu spüren, sich bewusst zu machen: Heute gibt es keine To-do-Liste, keine Deadline und keinen Zeitdruck. Im Juni war ich mit meinem Freund für einen Tag in Straßburg und habe mir einen blauen Hut gekauft, der so sehr nach Meer aussah, dass ich ihn kaufen musste. An dem Tag machten wir eine Schifffahrt auf dem Fluss und ich sagte: „Immer, wenn wir jetzt Urlaub haben, trage ich diesen Hut“. Da war er wieder, mein Meermoment.

Oben auf der Burg

Oben auf der Burg

Auch am vergangenen Wochenende hatte ich Glück. Ein Ausflug ins Elsass auf Burg Fleckenstein stand auf dem Programm. Meinen Hut hatte ich vergessen, und doch fand ich einen Meermoment: Ganz oben auf der Burg ging ein kräftiger Wind. Ich hielt mich mit den Händen am Geländer fest, schloss die Augen und hatte plötzlich das Gefühl, als wäre ich auf einem Schiff und würde mich über die Reling lehnen. Ich dehnte den Moment aus, blieb stehen und nahm mir fest vor, mich an diesen Wind zu erinnern, wenn ich in der kommenden Woche am Schreibtisch sitzen und meine Steuererklärung machen würde.

Was machen diese Meermomente mit uns? Sie verwandeln uns, entführen uns in eine Welt, in der die Vergangenheit nicht zählt und auch nicht die Zukunft. Alles, was schlimm war und was schwierig sein wird, verschwindet für eine kurze Zeit. Wir leben bewusst, im Augenblick, jetzt und hier. Sorgen, Ängste und Probleme existieren nicht im Meermoment. Es gibt nur Raum fürs Fühlen, nichts fürs Denken. Es sind die Meermomente, die das Leben lebenswert machen. In diesem Sinne wünsche ich Euch, liebe Lesern, ganz viele davon, so kurz und flüchtig sie im hektischen Alltag auch sein mögen.

Eure Yvonne Pioch

Fotos: Yvonne Pioch

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s