Ziemlich trollig

Puffin

Puffin

Viele Menschen haben einen Vogel. Bei künstlerisch ambitionierten Leuten ist der Piepmatz häufig deutlich ausgeprägt. Autoren gehören manchmal auch zu diesen Zeitgenossen. Dabei ist es egal ob ihre Texte auf der Bestsellerliste stehen, bei Amazon & Co. irgendwo ganz weit unten herumdümpeln oder gar in der Schublade versauern. Wenn es ein nettes Federvieh ist, kann das durchaus von Vorteil sein.

Mein Vogel heißt Puffin, Lundi oder Papageitaucher. Ich mag ihn von unserer ersten Begegnung an. Die war im Sommer 2011 auf Vestmannaeyjar (dt. Westmännerinseln) südlich dieser bekannten isländischen Ascheschleuder Eyjafjallajökull *. Auf der Insel Heimaey, der größten und einzig bewohnten Insel dieser Inselgruppe, sah ich die Puffins zum ersten Mal.

Es war ein schöner, ein typischer Tag auf Island. Das Wetter: Es war echtes Islandwetter:

„Wenn dir auf Island das Wetter nicht gefällt, warte fünf Minuten.“

Diese isländische Weisheit traf auch an jenem Tag zu. Wir fuhren ins Goldene Dreieck. Am Geysir gab es den ersten Zwischenfall.

Der Geysir ist ein tiefes, wassergefülltes Loch. Da unten passiert irgendetwas. Auf Island gibt es verschiedene Wesen der Nacht und Unterwelt. Trolle, über die noch berichtet wird, können es in diesem Fall nicht sein. Eher die anderen, deren Namen man nicht erwähnen darf. Der ist im Zahlenalphabet mittig zwischen der Zehn und der Zwölf angeordnet. Mehr sage ich dazu nicht. Sonst machen die irgendetwas mit mir, wenn ich das nächste Mal nach Island komme.

Oben hat das Loch des Geysirs einen Durchmesser von etwa drei Metern – oder sind es fünf? Und darin brodelt es, bis nach etwa sieben Minuten ein Ausbruch erfolgt, bis sich aus dem Geysir eine mächtige Wasserfontäne, mal zehn, mal fünfzehn Meter hoch erhebt. Man sollte nicht zu empfindlich sein. Das Wasser ist sehr warm und stinkt nach fauligen Eiern. Wer weiß, was diese Wesen da unten gerade gekocht haben. Wichtig ist es, die Windrichtung zu beachten. Sonst …

Ich stand also neben dem brodelnden Loch, in sicherem Abstand und unter genauer Beachtung des Windes. Die Spuckefingermethode in Kombination mit einer guten Beobachtungsgabe sorgten für Sicherheit. Die Sonne schien. Der Fotoapparat lag griffbereit in den Händen. Alles war paletti.

Neben mit standen zwei Asiatinnen, dem äußeren Anschein nach Mutter und Tochter. Die schnatterten schlimmer als dazumal Schnatterinchen beim Abendgruß des Sandmanns. Es war eine Mischung aus Schnattern und Kichern, untermalt von wollüstigem Quieken. Hatten die eine Kichererbsenvergiftung? Auf Island ist so etwas eher unwahrscheinlich. Der örtliche Gemüseanbau ist schwach ausgeprägt, fast jedes einzelne Vitamin wird importiert. Ich verstand kein Wort und die beiden kicherten ununterbrochen auf asiatisch.

„Hier gibt es nichts zu kichern!“, dachte ich, „Das ist eine ernste, eine spannende Angelegenheit. Gleich bricht der Geysir aus, da muss man sich konzentrieren!“

Geysir - Die Blase

Geysir – Die Blase

Beim Fotografieren ist es eine besondere Herausforderung, genau die „Blase“ zu erwischen. Wenn der Geysir springt, bildet sich aus der wabernden Wasseroberfläche zuerst und für den Bruchteil des Bruchteils einer Sekunde eine glatte Blasenoberfläche. Daraus sprudelt sodann der Rest des Vergnügens heraus.

Dieses Vergnügen währte nur kurz. Zwar hatte ich die Blase im Kasten, zwar ratterte mein Fotoapparat wie wild, um die ganze Eruption zu erwischen, aber dann ergoss sich die faulige Eierbrühe über mich. Der Geysir wusste offensichtlich nicht, woher der Wind weht.

Geysir

Geysir

Dieser Ausbruch hat die Welt verändert. Jedes Kichern war verstummt. Da ganz weit hinten rannten meine zwei Kichererbsen. Auch die hatte es erwischt. Mag der Geysir keine Kichererbsen und ich war nur zufällig Opfer seines Zorns, Kollateralschaden sozusagen?

Meine Frau beobachtete das Treiben aus der Ferne. Ja, sie hatte gesehen, dass einige nass gespritzt wurden. Aber dass es ihren herzallerliebsten Göttergatten erwischt hatte, … Sicher wäre sie sofort gekommen, ihn zu trösten, abzutrocknen, ihn und seine Heldentat zu preisen.

Die Sonne schien bereits länger als fünf Minuten – höchst verdächtig – und ich trocknete mit der Zeit wieder. Das Aroma verzog sich nur langsam. Ich erklärte es zur neuesten Kreation der hiesigen Parfümindustrie. Der Mann als Solcher ist flexibel.

Weiter ging die Reise. Vom Hafen Landeyjahöfn, der in der Nähe des Seljalandsfoss in Süden Island liegt, düst die Fähre „Herjólfur“ in einer halbstündigen Fahrt hinüber zur Insel Heimaey. Hier leben etwa 4000 Menschen, tausende Schafe und zigtausend Puffins. Geprägt wird das Eiland vom Eldfell, einem neuen Vulkan, der im Januar 1973 nahe der Stadt ausbrach. Ich habe mir von diesem Feuerberg ein Stück Lava mitgebracht. Es ist jünger, als ich selbst! Wer hat schon solch eine junge Klamotte!

Wir fuhren zu einer Klippe im Süden der Insel. Gerade als wir ankommen, öffnet Petrus sämtliche Schleusen. Wenn es auf Island regnet, dann ist es waagerechter Regen. Einen Regenschirm braucht man hier nicht, man wird auch ohne Schirm nass. Die erwartete Begegnung mit den Puffins ließ uns den Wolkenbruch ignorieren. Klatschnass betraten wir ein Beobachtungshäuschen, öffneten die Aussichtsluken und sahen sie: Puffins, viele Puffins.

Puffins

Puffins

Zwei Jahre später lag ich am Rand der bis zu 400 Meter hohen Klippe Lantrjabarg am Südrand der Westfjorde. Unter mir: der Atlantik. Da steht man nicht, dort liegt man, meistens eine ganze Weile. Das Erlebnis haut einen um! Direkt vor mir schauten etliche Puffins über die Kante der Felsklippe. Wir unterhielten uns prächtig. Die haben so ein fantastisches Lachen! Mein Fotoapparat hatte viel zu tun. Es war einer der Momente, die man sein Leben lang nicht vergisst.

Puffins sind wunderhübsche Tierchen. Nicht umsonst werden sie auch Papageitaucher genannt. Sie sind mächtig schlau. Sie können leidlich fliegen, gut schwimmen, tauchen, Sandaale ** fangen, diese im halben Dutzend quer im Schnabel sammeln, mit vollem Zinken noch ein weiteres Fischlein angeln, … Nur eines beherrschen sie nicht. Jede Landung gleicht einem Flugzeugabsturz, Kollateralschäden inbegriffen. Wenn da zufällig ein anderer Puffin auf der Landebahn hockt, stürzt der ab. Es sind ja nur ein paar hundert Meter bis nach unten. Wie gesagt, die können fliegen.

Puffins bohren metertiefe Löcher in die Klippe und bauen darin ihr Nest. Sie gehören zu Island, wie der Geysir, die Vulkane und Wasserfälle.

Island ist ein Land der Literatur. Schon im 12. Jahrhundert hat Snorri Sturluson (1179 – 1241) die Snorra-Edda und alte Sagas aufgeschrieben. Snorri war Literat und Politiker. Als Gode, das war so eine Art Chef oder König, sagte er auf dem weltweit ersten Parlament, dem Thing, dort wo die eurasische und amerikanische Erdplatte auseinanderdriften, die Gesetze auf. Er musste alle Gesetze aufsagen, vergaß er eines, galt es bis zur nächsten Tagung des Things nicht. Snorri war sehr einflussreich und lebte in Reykholt. Hier ist auch sein Grab. Die Kirche und der Hot Pot, in dem er badete, sind heute noch zu besichtigen. Snorri wurde von seinem früheren Schwiegersohn abgemurkst, weil der von den Norwegern bestochen war. Die wollten mehr Macht auf Island haben. In seiner Kirche saß ich ebenfalls, vielleicht sogar auf Snorris Platz? Im Februar dieses Jahres übernachte ich zweimal in diesem Ort: in unmittelbarer Nähe der Wirkungsstätte von Snorri: Mit Blick auf seine Kirche! Und wir haben in der Nacht wundervolle Nordlichter beobachtet. Es war typisch isländisches Sauwetter: Schnee, Sturm und Kälte, zwischendurch klarer Himmel mit Nordlichtern. Am Morgen danach gab es weniger Kälte, dafür Matsch en gros.

Island hat weltweit die meisten Literaturnobelpreisträger – bezogen auf die Zahl der Einwohner. 1955 wurde Hallodór Laxness (1902 – 1998) mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Hätte Deutschland, genauso viele Nobelpreisträger, wären knapp 245 Literaten in den Genuss der Prämie gekommen. Wir haben also noch Reserven.

Felsnadeln Reynisdrangar

Felsnadeln Reynisdrangar

Trolle trifft man auf Schritt und Tritt. Trolle wuseln im Dunklen herum. Wird es hell, verduften sie in ihre Höhlen. Verpassen sie das – sie sind etwas schusselig – streift sie gar ein Sonnenstrahl, dann versteinern sie. So ist es dazumal am schwarzen Strand an der Südküste bei Vík í Mýrdal geschehen. Es muss ein Riesentroll gewesen sein, von dem die Felsnadeln Reynisdrangar zeugen. Heute schaut nur noch der ausgestreckte Mittelfinger aus dem Wasser hervor. Oder welches Körperteil soll das sein?

Troll

Troll

Am Barnafoss und Hraunfossar, wir genossen gerade den Anblick der beiden nebeneinanderliegenden großen Wasserfälle, spürte ich etwas im Rücken. Nein, eine kältebedingte Muskelverspannung war es nicht. Es war ein Blick, der mich traf. Natürlich! Ein Troll schaute mich die ganze Zeit über an.

Trolle sind harmlos. Dagegen sollte man bei den anderen Wesen der Unterwelt etwas vorsichtig sein. Auf keinen Fall darf man ihren Namen nennen. Sie zu stören, kann großes Unheil bringen. In Grundarfjörður, einem malerischen Ort mit knapp 900 Einwohnern an der Nordseite der Halbinsel Snæfellsness, wurde beim Neubau einer Straße extra eine Umleitung gebaut, damit der Felsen, unter dem sie wohnen (Haus Nr. 84), keinen Schaden nimmt (www.grundarfjordur.is (deutsch)). Ihr glaubt das nicht? Selbst Wikipedia berichtet davon. Allerdings sollte man den Text sehr vorsichtig lesen. Der Name dieser Wesen wird erwähnt. Falls jemand mal Island besuchen möchte, …

Wo kommen die vielen mystischen Geschichten her? Island liegt unmittelbar unter dem nördlichen Polarkreis. Im Winterhalbjahr ist es lange dunkel, nur kurze Zeit wird es in der Mittagszeit schummerig. Ohne elektrisches Licht, Fernsehen und Internet hat man die Winterzeit über im warmen Haus aus Grassoden und Torf gesessen, sich Geschichten erzählt und dafür gesorgt, dass diese kleine Volk der Isländer nicht ausstirbt. Die Nordlichter, Vulkane mit den riesigen moosbewachsenen Lavafeldern, Erdbeben, Geysire, Gletscher, Wasserfälle, … lieferten viele mystische Bilder in den Köpfen der Menschen, die sich zu ihren Geschichten entwickelten.

In Island gibt es leckere Dinge zu futtern. Spezialität Numero Eins ist „Gammelhai“, auch „Hákarl“ genannt. Man buddelt das Fleisch des Hais erst einmal in die Erde ein und lässt es vergammeln (fermentieren). Danach stinkt es wie Dixiklo. Zum Auslüften des Ammoniaks hängt man es an die frische Luft. Am Ende wird es gefuttert: Es ist ein „Genuss“. Als eiweißhaltige Nahrung knapp war, konnten die Menschen diese Zusatzernährung gut gebrauchen. Heute werden damit Touris angelockt. Ich verrate jetzt nicht, dass der Ruf von Hákarl schlimmer als Geschmack und Geruch ist.

Brotzeit

Brotzeit

In heißen Quellen backt man Brot. Der Teig kommt in Tetrapacks, die gut verschlossen zig Stunden in kochenden Quellen oder natürlichen Lavaöfen backen. Mit Butter, Ei und Hering ist das eine echte Delikatesse! Und wer hat schon mal Fleisch vom Pferd gegessen? Was uns ungewöhnlich erscheint, ist hier normal. Auf dieser Insel hält man hauptsächlich Schafe und Pferde, wenig Kühe. Hinzu kommt der Fischfang.

Ich könnte noch viel berichten, war bereits dreimal auf dieser Wahnsinnsinsel, mehrere Routen sind in Planung. Die unendlich weite, unberührte Landschaft und die extremen Naturerscheinungen sind einfach gigantisch! Und diese Isländer …!

Nur noch eins zur Warnung:

Island macht süchtig – Heilung unmöglich!

Mit diesem Vogel, dem Puffin, im Kopf lebt es sich ganz gut. Und die Aura von Snorri: Ich hoffe, wenigstens ein Milli-Atom davon eingefangen zu haben, befürchte aber …

Island ist ein kleines Land. Etwa 330.000 Menschen leben dort. Es hat eine hübsche, überschaubare Hauptstadt: Reykjavik. Große Teile der Landesfläche sind unbewohnbar. 2008 war das Land nach der Pleite aller bedeutenden Banken so ziemlich am Ende. Sie haben sich aufgerappelt! Anders als der gemeine Europäer das erwartet. Es waren entbehrungsreiche Jahre und die Banker landeten im Knast. Kürzlich hat die isländische Regierung beschlossen, die Beitrittsverhandlungen mit der EU abzubrechen.

Die Isländer sind ein wehrhaftes Volk. Sie haben sogar ein Kriegsschiff und eine zweistellige Zahl Soldaten! Dreimal führten sie legendäre Kriege gegen den NATO-Partner Großbritannien (1958 – 1975). Auch die Bundesrepublik war daran beteiligt! Die Fehden sind unter dem Namen „Kabeljaukriege“ in die Geschichte eingegangen. Island hatte seine Fischereizone auf 200 Seemeilen ausgedehnt und besonders die Engländer fanden das doof. Beide Länder haben mächtig gedroht. Die Britten waren beeindruckt und zogen sich zurück. Es ist kein einziger Schuss gefallen, ein paar Schiffe hatten allerdings Beulen.

 

N.B.: Allen Angsthasen sei verraten, dass mehrere Vulkane mit ihrem Ausbruch überfällig sind. Die Hekla, die Katla, der Bárðarbunga warten nur noch auf den richtigen Augenblick. Unter dem Bárðarbunga brodelt kubikkilometerweise glühende Lava. Die letztjährige monatelange Eruption in der Holuhraunspalte war ein unbedeutender Vorgeschmack auf Kommendes.

 

* Eyjafjallajökull: Wer dieses wundervolle Wort nicht freihändig und ohne an der Zunge Schaden zu nehmen, aussprechen kann, der sage „E15“. Das „E“ und fünfzehn weitere Buchstaben – so einfach ist isländisch.

** Sandaale, keine Sandale! Liebe Grüße von meiner Rechtschreibprüfung!

[Rainer Franke, im August 2015]

© Rainer Franke 2015
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