Jahrhundertsommer

Das Auto hatte keine Klimaanlage, und unsere Kleider klebten hartnäckig auf der Haut. Es war der heißeste Sommer seit Jahren, der Jahrhundertsommer, der das Wetter aus der Sahara ohne Umwege nach Mitteleuropa brachte. Wer Zeit hatte, verbrachte sie im Schwimmbad oder verschaffte sich anderweitig Kühlung. Diejenigen, die arbeiten mussten, träumten von Urlaub. Meiner hatte gerade begonnen und ich fuhr mit der Familie an die Nordsee, genauer auf eine Hallig, eine dieser weitgehend unbefestigten Marschinseln im Wattenmeer, die mehrmals im Jahr vom Meer überschwemmt werden.

Wochenlang hatte ich argwöhnisch den Wetterbericht verfolgt. Wenn es so lange heiß ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es genau dann regnerisch ist, wenn ich im Urlaub bin.

Es blieb heiß. Es wurde sogar noch heißer. Auf der Fahrt in Richtung Norden waren es im Auto mindestens 60 Grad.

Als wir von der Fähre stiegen, sahen wir, was die Hitze mit der Hallig angestellt hatte. Im Jahr zuvor hatten wir Papageitaucher auf den saftig grünen Salzwiesen erlebt. Was sich uns diesmal bot, war eine vertrocknete Landschaft, die mich an Andalusien erinnerte, dort, wo in den 70ern die Django-Western gedreht wurden. Den Papageitauchern war es gewiss zu heiß, und sie waren wohl in Richtung Polarkreis abgezogen. Alles stand unter dem Eindruck der monatelangen mörderischen Hitze.

Bewölkt

Bewölkt

Doch dann geschah es: Am zweiten Tag unseres Urlaubs. Wolken. Viele Wolken, die nebeneinander herbeigeflogen kamen, übereinander, miteinander. Dicke Schichten Grau, die von Westen her mit peitschenden Winden eiskalten Regen mit sich brachten. Die Wolken zogen vorbei und andere kamen, übergangslos, man konnte sie im Grau des Himmels nicht voneinander unterscheiden, spürte nur das Wasser, das sie auf uns verspritzten und den Wind, der die Nässe in unserer Kleidung kühlte.

Wolken

Wolken

Es kostete Überwindung, die Ferienwohnung zu verlassen. Die Kinder waren noch klein und wollten Beschäftigung. Wir packten sie in Pullover und Regenjacken ein, zogen ihnen Gummistiefel an. In den kurzen Regenpausen spazierten wir im Watt umher. Wir sahen viel fern. Der Wetterbericht sprach von 30 Grad und Sonnenschein. Nur an den Küsten Regen und 15 Grad. Die Sonne sahen wir nur im Wetterbericht. Es regnete bis zum letzten Tag unseres Urlaubs, dem Urlaub im Jahrhundertsommer 2003.

[Robert Maier, im Mai 2015]

Fotos: Robert Maier

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s