Lieblingsbuch

Geschichte

Geschichte

Bis es mit ARS so richtig losging, habe ich lange Jahre einen Literaturzirkel geleitet, in dem wir keine Bücher geschrieben, sondern gelesen haben. Ja, ein bisschen Feldforschung ist immer gut, bevor man selbst die Feder zückt.

In einer unserer Leseserien ging es um die Frage, wieso unsere Lieblingsbücher uns eigentlich so fesseln. Wir fanden heraus, dass es in diesen Büchern häufig um Themen ging, die unser eigenes Leben beherrschten. Auffällig war, dass wir diese vielschichtigen Bücher in verschiedenen Lebensphasen immer wieder zur Hand nahmen und einige Passagen, die uns zuvor nie aufgefallen waren, plötzlich eine hohe Bedeutung für uns bekamen.

Wenn ich nach meinem Lieblingsbuch gefragt werde, nenne ich deshalb immer wieder „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Das erste Mal habe ich sie mit 12 Jahren gelesen und damals war es für mich eine sehr faszinierende Abenteuergeschichte. Ich las sie im Österreich-Urlaub.

Gewitter

Gewitter

Eines Tages, als meine Eltern Wandern gehen wollten, blieb ich allein zu Hause. Als ich an der Stelle war, in der Atreju die Spukstadt betritt und dort das Wolfswesen Gmork trifft, verdunkelte sich der Himmel und ein Gewitter zog herauf. Es hielt sich, während ich darüber las, wie das Nichts Phantásien verschlang. Meine Eltern kamen nicht wieder und schließlich war ich sicher, dass ich längst selbst ein Teil der Geschichte geworden war und dachte über einen Namen für die Kindliche Kaiserin nach. Nie wieder hat mich ein Buch so in seinen Bann gezogen.

Als ich älter wurde, las ich Die unendliche Geschichte erneut und mir fielen andere Passagen auf. Beispielsweise Michael Endes Philosophie über die menschlichen Leidenschaften, an denen sich manch einer zugrunde richtet – eine Erfahrung, die ich inzwischen auch gemacht hatte. Später studierte ich Literaturwissenschaft und las einige Sekundärliteratur über den Roman, nahm Zusammenhänge mit anderen Fantasy-Romanen bewusst wahr und dachte erstmals über die tiefere Bedeutung des Auryn-Mottos „Tu was du willst“ nach. Ein anderes Mal, als ich gerade in einer schlechten Phase war, begegnete mir in einer Buchhandlung „Das große Michael-Ende-Lesebuch“, in dem gleich zu Beginn die Frage aufgeworfen wurde, ob ein Buch in einer Lebenskrise ein Retter in der Not sein kann – es konnte. Und heute, wo ich selbst schreibe, ist Die unendliche Geschichte für mich ein Buch geworden, das sich wie kein anderes mit dem Thema Identität beschäftigt – das mittlerweile zentraler Bestandteil meiner eigenen Bücher ist, so unterschiedlich sie auch sonst sein mögen.

An meinem Kühlschrank pinnt ein Magnet mit dem Aufdruck „Bücher und Freunde braucht man wenige und gute“. Nun, meine Neugier hat nie erlaubt, dass ich mich mit der Lektüre weniger Bücher zufrieden gebe, aber selten kommt es vor, dass mich ein Buch nachhaltig beeindruckt. Im Folgenden möchte ich ein paar Bücher nennen, die das dennoch geschafft haben:

  • Empfehlung

    Empfehlung

    Katharina Hagena: „Der Geschmack von Apfelkernen“ – ein wunderschönes Sommerbuch in einer berührenden Sprache, das ich immer wieder empfehle

  • William Shakespeare: „Viel Lärm um nichts“ – die vielleicht leichteste von Shakespeares großartigen Komödien mit vielen Elementen, die einem aus modernen Liebesgeschichten bekannt vorkommen werden
  • Hape Kerkeling: „Ich bin dann mal weg“ – ein tiefgründiges Buch über den Sinn des Lebens, geschrieben auf dem Jakobsweg
  • Elizabeth Harris: „Der Heilige Stein“ – der einzige Zeitreiseroman, der mir jemals Rückenschmerzen verursacht hat, weil ich ihn so schnell am Stück auf einem Bett liegend gelesen habe
  • Sabine Ebert: „Die Hebamme“ (5 Bände) – großartige historische Romane, bei denen die Autorin ihre Helden in Situationen versetzt, aus denen sie nur noch ein deus ex machina retten kann
  • Jehan Sadat: „Ich bin eine Frau aus Ägypten“ – eine Autobiografie der Ehefrau des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Sadat, die interessante Aspekte des Islam und der Öffnung für die westliche Denkweise vorstellt
  • Amelie Nothomb: „Mit Staunen und Zittern“ – eine leicht biografische Geschichte über ein Praktikum in Japan, bei der die Übersetzer-Protagonistin aufgrund gesellschaftlicher Fehler als Klofrau endet
  • Anna Gavalda: „Zusammen ist man weniger allein“ – lustig-tiefgründige Geschichte darüber, wie eine WG 4 Einzelgängern dabei hilft, ihre Probleme zu lösen
  • Ken Follett: „Die Säulen der Erde“ – ein großartiger historischer Roman mit Protagonisten, die man sofort ins Herz schließt
  • Alessandro Baricco: „Novecento“ – eine philosophische Erzählung in vielen verschiedenen Textarten, kurz, prägnant, mit Aussagekraft
  • Jonathan Lethem: „Als sie über den Tisch kletterte“ – absurder Liebes-Roman aus der Sicht eines Sozialwissenschaftlers, dessen Physiker-Lebensgefährtin sich in ein schwarzes Loch aus dem Labor verliebt

 

[Yvonne Pioch, Juli 2015]

Fotos: Pixabay.com

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