Lukrezia

Natürlich besitze ich einen Schreibtisch. Und einen Laptop. Der ist meine Werkstatt. Dort findet der Teil meines Schreibens statt, der harte Arbeit ist: Ordnen, glätten, Fäden verknüpfen, Wörter nachschlagen, Formulierungen etwa siebenunddreißig Mal verwerfen und so weiter und so weiter, ihr wisst schon. Schrecklich mühselig ist das! Zum Trost umgebe ich mich mit allerlei Postkarten. Bayerische Landschaften sind darauf zu sehen oder Segelschiffe oder Lukrezia Borgia, je nachdem. Damit ich etwas Aufregendes anschauen kann und nicht verzweifle.

Es gibt jedoch noch einen anderen Ort, an dem es Gottseidank weniger streng zugeht. Den ich betrete, indem ich nicht bin. Ihr kennt ihn: Dies ist der innere Ort des Schauens. Oh, herrlich ist es da! Obwohl es keine einzige Postkarte gibt. Aber Bilder und Bilder und Bilder. Gestern zum Beispiel diese drei:

Ein sommerheißer Vormittag in Naumburg. Herr Nietzsche sitzt auf dem Holzmarkt, räkelig und auf ungepolstertem Stuhl. Vor einer Minute noch hat er gelesen, doch nun ist ihm das Buch auf den Schoß gesunken. Sein Blick ist zum Pflaster hin gesenkt und geht ins Unendliche. Der Schnauzbart verbirgt kein Lächeln. In unerbittlichem Ernst sitzt Herr Nietzsche und sinnt. Vor ihm steht, in sehr fordernder Haltung, mit gerecktem Bubikopf und in die schmalen Hüften gestützten Händen, ein Mädchen, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt. Mit wachem Gesicht sieht es zu des Denkers Stirn empor. Gerade eben hat es Herrn Nietzsche eine schwierige Frage gestellt. Gleich, wenn er nur ausgesonnen hat, wird er eine alte und große Antwort haben. So hofft das Mädchen. Aber er kommt nicht mehr dazu: Eine Hortgruppe erstürmt den Platz. Zwanzig Vierjährige! Jubelnd stürzen die Kinder zum Holzmarktbrunnen und werden von ermatteten Erzieherinnen kaum gehalten. Herrlich prasseln funkelnde Fontänen, die Sonne brennt, in einer Rinne im Pflaster plätschert und strömt es zu Füßen des Herrn Nietzsche vorbei. Boote aus Papier, Schachteln und Hüte werden mit Geschrei und Aufwand zur Fahrt eingesetzt. Ach, viele gehen sofort unter, reißend und gefährlich ist die Flut. Einige wenige aber werden getragen und sausen davon. Ein kleines Mädchen rennt ihrem Schiffchen nach, das Kleid tropft, die nackten Sohlen hämmern nasse Abdrücke auf das Pflaster. Ohne stehenbleiben zu können, sieht das Mädchen sich nach diesen Abdrücken um. „Ich hinterlasse Spuren“, kräht es und jauchzt und rennt, „ich hinterlasse Spuren!“ Meine Augen treffen Herrn Nietzsches entfernten Blick. Vielleicht, ein wenig, lächelt er doch.

Zwei: Der trostlos muffige Supermarkt in der Naumburger Salzgasse. Die Sonne ist auf einmal sehr weit weg. Ich treffe eine eingesunkene Greisin. Ihr dunkelbraunrotes Haar schwebt als fadenscheinige Wolke um ihren Schädel. Auf einen Rollator gestützt steht sie gebeugt und lange im Halbdunkel vor dem Süßigkeitenregal. Da sie fast blind ist, lese ich ihr eine Keksschachtel vor: weiche Biskuits mit Schokolade und Orangengeleefüllung. Dreihundert Gramm sind in der Schachtel, für neunundneunzig Cent. „Viel Süßes für so wenig Geld“, sagt die Greisin und sieht mich an. Ihre Augen leuchten, wie man es gar nicht ahnen kann. „Ich bin einundneunzig“, erzählt sie, „und ich habe nur ein Bein.“ Sie hebt die graue Polyesterhose über dem linken Knöchel an, darunter sehe ich einen künstlichen Fuß und eine Metallstange. Das ist ihr abhanden gekommenes Bein. „Merkt man aber nicht, oder?“ Sie zwinkert mir zu und rollatort mit den Keksen unter dem Arm davon. Später sehe ich sie vor mir an der Kasse wieder. Mit Mühe unterscheidet sie Münzen. Es dauert lange. „Ich bin gleich weg“, sagt sie und lacht. Dann ist sie wirklich fort, und ich trage ihr Bild.

Drei und vor allem: Die Südtreppe zum Ostchor im Dom Peter und Paul. Allerlei Getier strebt den Handlauf hinan, eine köstliche Girlande aus lebender Bronze. Ein Pfau gleich am Antritt, vor ihm aufsteigend die Schlange. Fliegen und Bienen auf langgestreckten Zweigen. Der die Treppe erklimmende Mensch fügt sich staunend in diesen Zug der Kreaturen. Wohin nur will das? Immer mehr werden es, alle nach oben hingerichtet wie gezogen: Eine appetitliche Schnepfe, Spinnen, Libellen und Gekreuch, das schiebt sich und wimmelt und fußelt und fliegt. Irgendwo eine Schnecke, rund und hübsch und – man weiß es genau – nicht langsamer als all die anderen. Immer hinauf eilen sie, so heiter, so entzückend, dass schließlich der neugierige Mensch nicht anders kann: Er hebt den Blick, um zu erfahren, nach wem sich all die Hälse recken und all die Flügel ausbreiten. Und dort, ganz oben, am Knick zum Podest, erspäht er das Ziel der Prozession: ein Mönchlein. Vergnügt schaut es den Tieren entgegen. Drollig von Antlitz und in schludriger Kutte. Übergroß sind seine Hände und in einer stillen Geste erhoben, die das ganze Gewusel unter ihm umfasst. „Ach“, ruft der Mensch aus und springt über die letzte Stufe hin auf das Podest, „dass ich das jetzt erst sehe: Da steht ja der Heilige Franziskus und predigt den Tieren auf dem Felde und grüßt sie, als wären sie der Vernunft teilhaftig.“ Einen Augenblick lang steht der Mensch zufrieden da. Dann dämmert ihn, dass dies noch nicht das Ende der Geschichte sein kann. Denn von irgendwoher muss das Mönchlein ja gekommen sein auf seinem Weg zum Treppensturz und den Tieren entgegen. Also schaut der Mensch sich um, und wirklich: Im oberen Handlauf, im Rücken des Heiligen, findet er wundersame Spuren eingeprägt. Es ist kein gerader Pfad, den sie zeichnen, es sind Sprünge darin und Abwege und einmal sogar eine Umkehr. Vielleicht kein leichter Gang. Jedoch: Die Abdrücke der runden Füßchen sind sehr deutlich zu sehen, jede einzelne Zehe hat die Bronze festgehalten. Entzückend und zierlich wie die eines vierjährigen Mädchens.

Wie hübsch dies alles ist! Ich wäre gerne dort geblieben, aber das geht natürlich nicht. Also sitze ich heute wieder an meinem Schreibtisch und ordne und glätte und benutze das etymologische Wörterbuch. Nebelhaft geht mir durch den Sinn, dass es mit den Spuren eine Bewandtnis haben muss. Einen Herzschlag lang blitzt etwas auf. Dann klingelt Gottseidank das Telefon.

Lukrezia lächelt nachsichtig.

 

[Katja Faßhauer, im Juni 2015]

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