Mein kleines Paradies

Lieblingsplatz

Lieblingsplatz

„Einen Lieblingsplatz zum Schreiben? Sowas hab ich nicht. Ich schreibe dort, wo es sich gerade ergibt.“ So oder ähnlich waren meine Gedanken, als wir beim Autorenstammtisch gebeten wurden, unseren liebsten Schreibplatz darzustellen. Also hielt ich zunächst den Mund oder besser: die Finger still.

Aber dann wurde es draußen wärmer, meine liebste Jahreszeit – der Sommer – hielt bei uns Einzug. Ich holte die Gartenstühle und die Polster aus der Hütte, wischte den Staub vom Tisch, fegte vertrocknete Blätter von der Terrasse, machte mein eigenes kleines Paradies wieder bewohnbar. Wann immer meine Zeit es nun erlaubt, setze ich mich nach draußen, wo ich den Sommer mit allen Sinnen wahrnehmen kann.

Ich schaue in das üppige Grün in unserem Garten, beobachte das Sonnenlicht, das sich in den Zweigen von Büschen und Bäumen bricht, abstrakte Muster auf den Boden malt. Ich höre das Zwitschern und Pfeifen der Vögel, das Summen von Insekten, das Rauschen von Blättern, wenn der Wind sie sanft bewegt. Es duftet nach Blüten, frisch gemähtem Gras, trockener Erde. Die Sonne wärmt die Haut, der laue Wind streicht sanft darüber. Und nichts schmeckt so eindeutig nach Sommer wie frisch gepflückte Erdbeeren oder ein Glas Eiswasser mit einem kleinen Spritzer Limette.

Kein Wunder also, dass ich gerne dort auf der Terrasse sitze und die Sommerzeit genieße. Ich speichere diese Wahrnehmungen ab, lade meine Solar-Akkus auf, damit die Energie über die kalten und dunklen Wintertage hinweg ausreicht.

Doch das alles mag zwar erklären, warum ich gern auf unserer Terrasse sitze, liefert hingegen keine ausreichende Begründung dafür, was gerade diese eine Stelle zu meinem Lieblings-Schreibplatz macht. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Ich habe hier noch nie nach Ideen suchen müssen. Sie sind immer freiwillig zu mir gekommen, ohne sich lange bitten zu lassen. Wenn der Gedankenfluss ins Stocken gerät, hebe ich einfach den Blick über den Rand des Laptop-Monitors hinweg. Ich kann mich darauf verlassen, dass meine Augen an irgendetwas hängen bleiben, was mich in meiner Geschichte weiterbringt, mühelos, fast spielerisch. Oder ich lausche und vernehme ein Geräusch, das sich hervorragend in die Handlung einbauen lässt. Vielleicht ist es auch ein Duft, der mir in die Nase steigt, ein leichter Luftzug, der meine Haut streichelt oder die milde Säure der Limette in meinem Eiswasser. Meine Sinne sind auf Empfang gestellt, alle Kanäle sind geöffnet, die Gedanken können fließen.

Deswegen schreibe ich dort, auf unserer Terrasse, wann immer und solange es geht. Denn der nächste Winter kommt bestimmt.

Lily Konrad, im Juni 2015
Mail:  lily@lily-konrad.de
Homepage: www.lily-konrad.de

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