Rothelmchen und der Heiratsschwindler

Von einer Klementine, der Bayernpleite, keiner Leiche, Großmutter, Wolf und Jäger, einem roten Ampel, Rotwein, roten Zahlen und einem roten Buch, einem Heiratsschwindler, dem SEK, zwei Gefängniswärtern, einem Fahrstuhl, Zetteln, einer Fee sowie einem Lottoschein.

„Reiner wäscht keiner!“, verkündete Klementine dazumal und pries ihr Superwaschmittel an. Wer erinnert sich noch? Es war Ende der Sechziger bis Anfang der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Der kleine Junge, nennen wir ihn Rainer, fand das blöd. Er konnte sich nämlich längst selber waschen, war ein großer kleiner Junge! Waschen hat immer etwas gedauert. Man kann die Seife doch so wunderbar als U-Boot abtauchen lassen und auf Piratenjagd schicken. Nach der dritten Ermahnung,
„Beeilung!“, einer Schelte, die keinen Widerspruch duldete, kümmerte er sich um die zwischenzeitlich eingeweichten Schmutzfingerchen. Die Seife zum Sauberrubbeln war erträglich. Dann kam Mutter mit diesem furchtbar nassen Waschlappen, um Gesicht und Ohren zu wienern. Die Protestlaute konnte sie nicht überhören:
„Das habe ich doch längst gewaschen!“
„Ja, vorgestern.“, war die Antwort, womit Mutter allerdings völlig daneben lag, denn es war mindestens das Vorgestern von vorvorgestern.

Aber das Waschmittel, welches Mutter benutzte, um die Grasflecken aus der Hose des Knaben zu bekommen, für das Klementine ihren legendären Fernsehauftritt hatte, das hätte er auf keinen Fall akzeptiert. Auf solch eine verrückte Idee ist Mutter natürlich nie gekommen.

Ein paar Zentimeter später war es dem kleinen, inzwischen größeren Jungen, eine Selbstverständlichkeit, regelmäßig Wasser, Seife und Bürste zu verwenden. Die konsequente Erziehung hatte gefruchtet. Schließlich verstand der Junge auch, wie dieser Werbespruch gemeint war. Dem Fünfjährigen war der Unterschied zwischen „ai“ in seinem Namen und „ei“ in jenem Werbeslogan nicht nur schnurzpiepe, er kannte ihn nicht einmal. Inzwischen konnte er alle Buchstaben freihändig in sein liniertes Heft pinseln, Worte und Sätze bilden, sogar kleine Geschichten schreiben.

Heute ist er ein erfahrener Ingenieur, Fotograf und Autor. Und er hat viele Ideen. Manche sind richtig verrückt.

* * *

„Klementine! In welchem Seniorenheim gehst du regelmäßig zum Skat-, Tanz- und Gymnastikabend? Wo häkelst du bei Kaffee und Kuchen Strümpfe und Topflappen, singst im gemischten Chor, trainierst Judo zur Selbstverteidigung, übst Qi Gong zum Lockern von Muskeln und Geist? Wo bastelst an deiner Webseite? Wo bist du?“

Wir brauchen die Hilfe von Klementine – dringend. Leider ist ihre Darstellerin, Johanna König-Hock, bereits im Jahr 2009 verstorben.

Heute nennt man es „Unternehmensberatung“, was wir benötigen. In Zeiten von social media, Mitmach-TV und Bayernpleite ist mehr als ein flotter Motivationsspruch erforderlich. Wo bleiben Persönlichkeiten, wie dazumal diese Perle aus dem Waschsalon?

Heute reicht ein 90-sekündiger Fernsehspot kaum. In unserer Zeit muss es ein Reißer sein, ein drei-, besser ein fünfteiliger Thriller. Die Öffentlich-Rechtlichen machen den Anfang. Wenn es läuft, steigen die Privaten groß ein, nicht ohne den Tiefgang drastisch zu reduzieren. Alle sollen es kapieren, nicht nur die mit Grundschulabschluss.

An ersten Versuchen für die neuen Formate wird bereits gearbeitet. Für die Zuschauer in den vorderen Reihen hält man Traditionen hoch. Anleihen bei den Brüdern G. und Klementine verleihen dem Ganzen einen seriösen Anstrich, vermitteln den Hauch eines ernstgenommenen Bildungsauftrags.

* * *

Wenn der Fernseher weiß, wer gerade mit Dreckfingern davor sitzt, dann könnte eine nette Oma in erzieherischer Absicht die Geschichte von Rothelmchen und dem Heiratsschwindler vorlesen. Den angestaubten Grimm’schen Beginn „Es war einmal …“ lässt man natürlich weg. Ein Facebook verwöhntes Kind von heute ist damit überfordert und nicht hinter dem Tablet hervorzulocken. In Anbetracht der Zielgruppe verzichtet man auf explodierende Autos, Nackedeis, blutgetränkte Szenen, wabernde Gedärme und Leichen.

Rothelmchen rockt mit seinem eBike durch den Wald und wird wegen 
Fahrens bei Rot von Hauptwachtmeister Wolf gestoppt:
 „Die Ampel an der Weggabelung habe ich wirklich nicht gesehen! Neulich 
stand hier noch keine!", verteidigt sich das Mädel. Wolf ist gnadenlos 
und verpasst ihm ein kostenpflichtiges Ticket, zu überweisen innerhalb 
von vierzehn Tagen. Das ist ein Problem. Denn außer dem Helm des 
Mädchens sind auch die Zahlen auf ihrem Kontoauszug knallrot. Das 
findet sie nett, denn Rot ist ihre Lieblingsfarbe.

 Endlich erreicht sie das kleine Reihenhaus am Waldrand. Großmutter 
schlummert, während der Fernseher läuft, in ihrem durchgesessenen 
Lieblingssessel vor dem runden Tisch. Drei dicke Kissen liegen in 
ihrem Rücken. Ja, der Rücken - die Problemzone! Rothelmchen überreicht 
der Großmama die obligatorische Flasche Rotwein, die sie in Vaters 
Vitrine fand, gibt ihr einen fetten Kuss auf die faltige Wange und 
setzt sich zu ihr. Nach dem dritten Kuchenstück, Omas selbst gebackenem 
Streuselkuchen und dem vierten Glas Rotwein, schiebt sie die Rechnung 
von Hauptwachtmeister Wolf heimlich auf Großmutters Vertiko. Dank 
Internetflatrate erledigt Großmutter die Bankgeschäfte von zu Hause 
aus. Auf eine Buchung mehr kommt es nicht an. Und ihrer Enkeltochter 
kann sie natürlich keinen Wunsch ausschlagen.

 Da klopft es. Hauptwachtmeister Wolf tritt ein und Rothelmchen bekommt 
einen Riesenschreck:
 „Was will der denn hier?“, fragt sie sich. Großmutter und der 
Hauptwachmeister gestehen ihre Liebe und Heiratspläne. Wolf grinst 
hämisch und Rothelmchen entdeckt in dessen Polizistentasche Großmutters 
rotes Sparbuch, ausgerechnet das rote. Kaum hat Rothelmchen eine neue 
Runde Rotwein eingeschenkt, wundert sie sich, dass der Hauptwacht-
meister seinen Spruch:
 „Ich trinke nichts, bin im Dienst!“ nicht aufsagt. Da sieht sie, dass 
sie knutschen, schlimmer als zwei vorpubertäre Teenager auf dem Heimweg 
von der Disco. So abgelenkt merkt Wolf nicht, wie das Mädel dieses rote 
Buch aus der Tasche klaubt. Es ist nicht das Sparbuch, sondern das rote 
Parteibuch aus der Zeit seiner Karriere bei der Volkspolizei.

 Da gibt es einen Knall. Die Wohnungstür fliegt auf. Das SEK der 
örtlichen Polizei steht vollzählig in Großmutters warmer Stube:
 „Haben wir Dich, du falscher Polizist, du elender Heiratsschwindler! 
Sieben Eheversprechen sind zu viel. Sieben einsame Großmütter wolltest 
du um ihr mühselig Erspartes prellen! Komm mit, der Knast wartet. Die 
Gefängniswärter Wackerstein und Brunnenschmiss haben dir eine 
gemütliche Zelle mit rostfreien Gardinen freigehalten!“

 SEK-Chef Fred Jäger ist außer sich vor Freude und kippt zur Feier des 
Tages alle drei auf Tisch stehenden Gläser mit Rotwein hinter die Binde.
 „Upps! Ich bin doch im Dienst!“, stellt er erschrocken fest und greift 
zum letzten Stück von Großmutters leckerem Streuselkuchen. Rothelmchen 
ist glücklich, dass nun ihr Rotverstoß ungeahndet bleibt. Sie genehmigt 
sich mit Großmutter noch das eine oder andere Gläschen. Die Vorräte in 
Großmutters dunklem Keller sind unerschöpflich. Es wird ein lustiger 
Nachmittag. Bevor Großmutter in die Küche schlurft, leckere Spiegeleier 
zum Abendbrot zu brutzeln, sagt sie:
 „<Name des Fernsehzuschauers>, geh und wasch dir die Hände, gleich 
gibt es das Abendessen!“ Und natürlich eilt, nein schwankt, Rothelmchen 
zum Waschbecken und greift nach Seife und Handbürste. Freudestrahlend 
hält sie ihre blitzeblanken Händchen mit dem roten Ring am linken 
Mittelfinger in die Kamera - Abspann!

 An der Stelle, an welcher im Drehbuch ‚<Name des Fernsehzuschauers> 
steht, ergänzt der Fernseher vollautomatisch den Vornamen des 
Delinquenten, also des Kindchens, das gerade zuschaut.

 Und wenn sie nicht gestorben sind, dann picheln sie noch heute!

* * *

Großmutters Kreativarbeitsplatz

Großmutters Kreativarbeitsplatz

So kreativ ist der Arbeitsplatz von Rothelmchens Großmutter. Ein bequemer Sessel ist eine gute Erfindung. Ein kleiner Tisch ist praktisch, ausreichend für ein Fläschlein nebst einigen Gläschen, eventuell noch ein paar Salzstangen, einen Kuchenteller. Hier werden Ideen geboren: Streuselkuchen oder Bienenstich für die Enkeltochter, Spiegel- oder Rührei zum Abendbrot. Die kreativen Eingebungen kommen mit jeder Umdrehung des Getränks und bohren sich regelrecht in die Gehirne hinein. Problematisch wird es nur, wenn das Drehmoment auf das Gleichgewichtsorgan übergeht.

Natürlich schläft Rothelmchen diese Nacht bei der Oma. Mit so viel Rotwein im Blut würde sie mit dem Fahrrad den Platz zwischen den Bäumen, selbst auf dem breitesten Waldweg, nicht treffen. Und bei der Omi ist es doch immer so schön!

Was lernen wir aus dieser Geschichte?

Saubere Kinderhände haben eine lange Historie.

Ohne Unternehmensberatung funktioniert heute nichts mehr.

Rot ist nicht immer eine schöne Farbe.

Falsche Fuffziger, Polizisten und Liebhaber sind ein Problem.

Großmutter ist die Beste!

Bei der siebenten Liebhaberin wird es kritisch.

Ohne einen ordentlichen Kreativarbeitsplatz geht es einfach nicht!

* * *

Woran erkennt man einen Kreativarbeitsplatz?

Erst einmal muss die Ablagefläche groß sein. Die darauf verteilte Zettelparade darf gerade so viel Platz frei lassen, dass Tastatur, Maus und Monitor günstig platziert werden können. Der Laptop sollte unter den Zetteln noch genügend Frischluft zur Kühlung von Prozessor, Festplatte und den heißen Daten bekommen. Spätestens nach zehnminütiger Suche in der Zettelwirtschaft sollten Notizheft und Kugelschreiber, ersatzweise ein Bleistift, auffindbar sein.

Natürlich braucht solch ein Arbeitsplatz einen Stuhl. Bequem muss der nicht sein, sonst pennt man womöglich ein. Am Hintern darf er selbstredend nicht drücken. Einen säfteabsorbierenden Bezug benötigt die Sitzfläche. Kreativität kann schweißtreibend sein!

Wichtig: Ein Plätzchen für die Tasse mit Kräutertee muss exklusiv freigehalten werden.

Unwichtig: Kräuterteeflecken auf den Zetteln.

Noch wichtiger: Der letzte Lottoschein muss immer ganz weit oben liegen! Er könnte ja, er könnte ja  …

Nun kommt der Luxus:

Die Schalter des Kreativitätsarbeitsplatzes

Die Schalter des Kreativitätsarbeitsplatzes

Einen guten Kreativarbeitsplatz erkennt man am Motor und den zwei Schaltern. Das Triebwerk wird nicht zum Antrieb des Computers benötigt! Dazu nimmt man Windows. Mithilfe des Motors wird es ein automatischer Kreativitätsarbeitsplatz. Der Tisch fährt wie der Fahrstuhl im Berliner Fernsehturm hoch- oder runter. Man kann im Sitzen oder Stehen arbeiten. Der strapazierte Autorenrücken klatscht Beifall!

Zum Schluss noch meine persönliche Erfindung:

Es ist eine pfiffige Idee! Die vielen Zettel, von denen ich keinen einzigen finde, wenn ich suche, werden von einer kleinen, fleißigen und sehr attraktiven Fee vollautomatisch sortiert, katalogisiert und archiviert. Immer dann, wenn ich nach einem Wisch fahnde, schickt mir die Fee gedankenlesend den gesuchten Schnipsel auf mein Handy. Oder sie erledigt den Einkauf selbst. Was ich benötige, steht auf einem der Blätter oder auf zweien, … Notfalls peilt sie die Lage im Kühlschrank und entscheidet eigenständig. Wehe, sie setzt mich auf Diät! Für eine Fee dürfte das alles kein Problem sein.

Allerdings: Damals, als ich studierte, standen Feen noch nicht auf dem Lehrplan. Wer sich mit Feen auskennt, bitte melden! Dann erfinde ich eine Zweite und wir machen fifty-fifty!

* * *

Immer griffbereit: Das Notizbuch

Immer griffbereit: Das Notizbuch

Der ganz persönliche Kreativarbeitsplatz ist das Eine. Ein Autor muss immer und überall und auf alle Eventualitäten, sogar auf einen Einfall, vorbereitet sein. Deshalb gehört ein Notizbuch zur unverzichtbaren Grundausrüstung. Ingwerlimonade löst gerne heftige Kreativitätsschübe aus. Besonders in solch angenehmer Umgebung wie im Frankfurter Liebigpark muss man darauf vorbereitet sein.

Francesco, ein Autorenkollege, wird am Montag hier im ARS-Blog davon berichten, welche hochprozentigen, deshalb nur tropfenweise zu genießenden Mittel zum Gehirndoping er bevorzugt.

 

[Rainer Franke, im Mai 2015]

© Rainer Franke 2015
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