Wahlwiederholung

Eine Wahl wiederholt sich in meinem Leben regelmäßig:

Wenn es mir schlecht geht, weil ich Kummer habe, wenn ich Halsschmerzen habe und ich befürchte, dass ich ernsthaft krank werde, wenn ich mich ungeliebt fühle und wenn ich die x-te Diät in meinem Leben mache und die verdammten Speckrollen um meine Körpermitte sich einfach nicht in Luft auflösen wollen, dann ist Wahltag für mich.

Wenn ich am Morgen die Riemchensandalen an meine nackten Füße geschnallt habe, weil die Wettervorhersage einen heißen, sonnigen Sommertag angekündigt hat und dann aber am Nachmittag, wenn ich auf dem Heimweg bin, unangekündigt sintflutartige Regengüsse über mich hereinbrechen und ich mich in den nächsten Schuhladen flüchten muss, um mir für den Rest meines Heimweges die passenden, wasserdichten Treter zu beschaffen, dann ist Wahltag.

„Wer die Wahl hat, hat die Qual“! Dieses Sprichwort, kreist an meinen Wahltagen in meinem Kopf. Besonders dann, wenn ich im Schuhgeschäft stehe und um mich herum annähernd 30 Paar Schuhe liegen. Sie gefallen mir alle und zu meinem Leidwesen passen sie auch noch. Ich habe die Qual der Wahl.

Die Einladung liegt schon seit einigen Tagen auf dem kleinen Sekretär in der Diele. Der siebzigste Geburtstag des Seniorchefs der Firma X & Y wird gefeiert.

In Gedanken gehe ich meine Schuhparade, die in verschiedenen Schränken im Haus steht, durch. Die Wahl beginnt:

Ich kann mich nicht genau erinnern, aber ich komme zu dem Ergebnis, dass ich mindestens zehn Paar schwarze Schuhe habe. Sneakers, Ballerinas, Sandalen, Turnschuhe, Stiefeletten, Stiefel und auch die heißgeliebten, ausgetretenen Bequem-Schuhe. Schuhe aus Leder, Kunstleder, Stoff und Lackleder.

Auch ein paar sündhaft teure „Kann-nur-damit-Stehen-oder-Sitzen-Schuhe“ mit tollen roten Ledersohlen stehen im Kleiderschrank bei den edlen Kleidungsstücken zum Ausgehen.

Mit diesen Schuhen kann ich auf keinen Fall mehr als zehn Schritte laufen. Das ist so ungefähr die Entfernung vom geparkten Auto zum gedeckten Tisch der Gastgeber, die meinen Mann mit Begleitung zum Essen eingeladen haben.

Ich habe die Strecke einigermaßen würdevoll absolviert, eine gefühlte Stunde Smalltalk mit einem Glas lauwarmem Prosecco in der Hand ertragen und sitze endlich auf meinem Platz. Sofort schlüpfe ich möglichst unbemerkt aus diesen Folterwerkzeugen. Meine befreiten Füße und ich seufzen vor Erleichterung.

Ein langer Abend, ein endloses 6-Gänge-Essen, einige Gläser Rotwein und mehr oder weniger anregende Gespräche mit Nachbar rechts und Nachbarin links habe ich bewältigt. Ich bin erschöpft und ich weiß, morgen muss ich mir etwas Gutes tun, morgen ist Wahltag.

Es ist Zeit, wir dürfen gehen. Jetzt muss ich meinen Platz verlassen und deshalb vorher möglichst unauffällig unter dem Tisch meine Schuhe wieder anziehen.

Ein absolutes Chaos macht sich in mir breit, denn meine Schuhe haben sich offensichtlich mittlerweile getrennt. Ich taste mit den Zehen, einen großen Halbkreis unter dem Tisch beschreibend, den Boden ab. Rechter Fuß sucht, linker Fuß sucht. Endlich habe ich einen dieser Quälgeister ausfindig gemacht und ziehe in sacht mit meinen nackten Zehen in die Richtung meines Stuhles. Dabei rutsche ich mit meiner Kehrseite schon gefährlich nahe an die Stuhlkante. Fast wäre ich zwischen Stuhl und Tischplatte gerutscht und mit dem Kinn auf die Kante geschlagen. Im letzten Moment konnte ich dies verhindern. Alle sind beschäftigt und niemand bemerkt meinen Fast-Unfall.

Nummer zwei des schwarzen Paares bleibt verschwunden. Vorsichtig hebe ich die Tischdecke und versuche den Aufenthaltsort visuell ausfindig zu machen. Aber auf dem dunkelblauen Teppichboden und in dem Halbdunkel unter dem Tisch, ist einfach nichts zu sehen. Außerdem bin ich fast nachtblind.

Ich schaue mich um und in einem unbeobachteten Augenblick, lasse ich die Serviette von meinem Schoß gleiten, um sie ein paar Sekunden später ganz offiziell wieder aufzuheben. Dabei tauche ich fast unter den Tisch. Einige Gäste stehen auf, um sich zu verabschieden.

Aah, jetzt habe ich ihn entdeckt, den Ausreißer! Er liegt völlig entspannt, den 12-cm-Absatz in die Luft gestreckt, zwei Stühle weiter, direkt unter der Sitzfläche des Gastgebers. Während ich angestrengt überlege, wie ich, ohne dass es jemand bemerkt, Nummer zwei wieder an meinen Fuß bekomme, schiebt unser Gastgeber seinen Stuhl nach hinten. Er steht ächzend auf und trampelt mit seinen 49-er Lackschuhen auf meinen schwarzen Edel-Highheel. Ein hässliches Geräusch hinterlassend, trennt dieser sich unverzüglich von seinem Absatz.

Ich laufe puterrot an und presse beide Oberarme dicht an meinen Körper, damit niemand die sich dunkel färbenden Flecken unter meinen Achseln auf dem feinen zart-rosa Seidenstoff meiner Bluse sieht. Unser Gastgeber ist nach mehreren Gläsern Wein und diversen Schnäpsen gottlob nicht in Lage, sofort die Ursache seines Fehltritts zu erkennen. Außerdem ist er intensiv damit beschäftigt, einer langhaarigen Blondine, die er schon den ganzen Abend mit schmachtenden Blicken bedacht hat, in ihren mehr als gewagten Ausschnitt zu starren, aus dem sich zwei aufgepeppte Silikonbrüste aufreizend auf und ab bewegten.

Mein Mann starrt mich an. Kein begehrlicher, schmachtender Blick umfängt mich liebevoll. Nein! Seine Augen sind zu schmalen Schlitzen zusammengepresst und fragen: „Was jetzt schon wieder los? Können wir endlich gehen?“ Ich streife eilig den unversehrten Schuh, in den ich mittlerweile mühsam meinen angeschwollenen Fuß gezwängt hatte, wieder ab und schiebe ihn in die schwarze Tiefe unter dem Tisch.

Mit dem unschuldigsten Gesichtsausdruck, den ich aus meiner Gesichtsausdrucks-Kiste zaubere, stehe ich auf und verabschiede mich mit einem breiten Lächeln und barfüßig von unseren Gastgebern.

Ich weiß jetzt, dass Männer nicht auf die Füße einer Frau starren….!

Heute ist Wahltag. Heute kaufe ich auf keinen Fall schwarze Highheels. Es gibt keine

Wahlwiederholung!

 

Text: Brigitte Wilke

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